Wenn ich an sonnigen Tagen an den Bauerngärten vorbei laufe, kann ich manchmal meine Grossmutter dort stehen sehen: Gross gewachsen, schlank , mit blauen Augen und blonden Locken die sie einmal wöchentlich auf Wickler einrollte. Sie steht neben ihren geliebten Pfingstrosen, die so purpur leuchteten, als hätte mein Grossvater sie in einer nächtlichen Schlaflosigkeit in seinen Wein getunkt.
Ich kann mich erinnern, dass ich immer einen süssen Duft hinter mir herzog wie eine Wolke, wenn ich sie im Garten aufsuchte, weil ich mit meinen Kleidern an den Pfefferminzblättern vorbei strich.
Sie trug eine Schürze im Garten und meistens roten Lippenstift. Weil sie immer welchen auftrug, wenn sie ins Dorf ging um Brot zu kaufen und zuhause als erstes in den Garten ging, bevor sie ins Haus eintrat.
Sie hatte ihre Beete nicht so akkurat gezogen wie ihre Nachbarn, sie sahen eher willkürlich aus.
Vielleicht waren die ungenauen Masse der Beete ihre trotzige Reaktion auf die perfekte und präzise Welt in ihrer neuen Heimat, der Schweiz ? Ich weiss es nicht, ihr Gemüse wuchs nie besonders gut und es störte sie nicht. Gemüse war eher banal und nur zum Verzehr da und sparte Geld in der kargen Haushaltkasse , die Blumen aber, die waren göttlich in ihren Augen. (Wobei sie es mit dem Gott nie besonders gut hatte, der in der Schweiz offenbar in der Kirche wohnte und zu dessen Lobpreisungen sie jeden Sonntag von den Nachbarn eingeladen wurde, die sie immer kopfschüttelnd ausschlug. Gott war für sie in den Blumen und in den Tieren, die in ihrem Garten lebten. Und nicht in einer prunkvollen Kirche .)
Sie jätete, grub, zog Furchen, streute, setze, staunte, pflückte und das mit einer Faszination, die man an Menschen sehen kann, die in einer Tätigkeit absolut aufgehen. Am ehesten sieht man das noch bei Kindern, wenn sie spielen.
Ich war willkommener Zaungast in ihrem Spiel, gerne gesehen und auch gerne bereit, kleine Aufgaben zu übernehmen. Zum Beispiel das Sammeln der kleinen Samen der Ringelblumen: Sie sahen für mich wie kleine Apostroph aus oder eingerollt schlafende Maden. Die ich in Kartons streute und im Schatten des Hauses, unter dem rankenden Wein, zum Trocknen hinstellte. Ich trug die Samen in meiner Faust, die ich fest zusammengedrückt hielt, weil ich wusste, dass jeder kleine Samen wertvoll war und im nächsten Jahr zu einer gelborangen Blume wachsen würde.
In der Ecke des Gartens wuchs ein blättriges Kraut, das ich besonders liebte. Es roch nach Suppe und sie schnitt es in den Kartoffelsalat, wenn sie welchen machte. Mir zuliebe, weil sonst niemand das Kraut besonders mochte. Wenn die Sonne den ganzen Tag auf das Blattgewürz schien, roch es am Abend besonders stark. Ich streckte beide Hände tief in das kleine Gebüsch , zerzauste die Blätter und übernahm den feinen Duft, den meine Hände noch am nächsten Morgen an der Haut haften haben würde.
Ich würde liebend gerne sagen, dass es faszinierender Lavendel war. Oder mediterraner Rosmarin. Oder zumindest Salbei ….Nichts dergleichen. Erst Jahre später erkannte ich, dass es Maggi war.
Liebstöckel. Maggikraut eben.
Und heute….Als Mensch mit ausgeprägtem Geruchsinn liebe ich die Düfte der Kräuter noch immer sehr. Aber Liebstöckel wächst keiner in meinem Garten….Alle anderen. Aber nicht dieser. Weil er mich immer zu sehr an meine Grossmutter erinnert.:
An Pfingstrosen und an roten Lippenstift und an ein kleines Dorf in den Bergen und Catherine, die niemals schweizerisch Käthi oder Kathrin genannt werden wollte, und die immer etwas nach Heimweh roch.
Zaubergarten
Samstag, 3.Mai 2008 · 5 Kommentare
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Im Tal der Orchideen
Samstag, 3.Mai 2008 · 2 Kommentare
Ungeküsst kamen wir zurück von der Wanderung im Gitzitobel. Nicht geküsst deshalb, weil es keine Frösche gab, die interessiert waren an uns. Vielleicht waren wir zu schmutzig und nicht grün genug.
Die Orchideen beginnen sich langsam zu entfalten , alles wirkt etwas verschlafen im kleinen Tal .
Verzaubert. Das ist es.
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