Madame Lila

Windmühle. Liebe.

Donnerstag, 15.Mai 2008 · 9 Kommentare

Er steht jeden Abend zur gleichen Zeit an der Kreuzung. Egal bei welchem Wetter, er steht da und schaut den Autos zu, wie sie kommen, drängeln, und möglichst schnell heim zu Frau und Kind kommen. Feierabendverkehr. Manchmal steht er mit hängenden Armen da, ein bisschen verloren wie ein viel zu gross geratenes Kind, das jemand ausgesetzt hat. Seine Haare sind zerzaust, auf dem Oberkopf, gerade so, als würde er sich ständig durch die blonden Haare fahren.
Ich bin sicher, wenn ich ihm nahe genug wäre, würde ich irgendwo Flecken von Spaghetti oder Schokolade in seinem Gesicht sehen.
Mit ruckartigen Bewegungen des Oberkörpers verfolgt er die Autos, ab und zu lächelt er und wenn ihm ein Auto ganz speziell gefällt, oder der Fahrer darin (ich weiss nicht nach was für einem Muster er selektioniert) , dann winkt er. Wie eine Windmühle. Entblösst eine Reihe grosser Zähne und er hüpft. Von einem Bein auf das andere.
Bis gestern gehörte ich nicht zu seinen Favoriten. Gestern aber, als ich mit offenem Fenster an ihm vorbei fuhr, fing er bei mir auch an. Nicht zaghaft und schüchtern, sondern mit der Beschleunigung einer Rakete. Hüpfen. Lachen. Winken wie ein Kreisel.
Ich glaube, ich habe einen Freund gefunden.
 
Später würde ich bis tief in der Nacht unter einer Kastanie sitzen. Beim Schloss, in welchem ich früher immer Prinzessin sein wollte.
Sitzen und alles ausbreiten, R. ist ein guter Zuhörer und hat die Fähigkeit, Muster und Lösungen im Geflecht der Worte zu finden.
(Das war schon immer so. )
Billigen Wein trinken und Chips aus der Tüte essen und sich so fühlen, wie damals, als ich nachts zuhause wegschlich um meine Freundinnen zu treffen. Oder den Freund.
Wundervoll. Alles ist möglich.
Wie wird dein nächster Lover aussehen ? Fragte er. Ich hatte Lust, ihm in die Seite zu boxen! Nie mehr. Mir reicht es. Er lacht, seine Zigi glimmt im Dunkeln.
Oh doch. Sagt er. Nein. Antworte ich.Sicher bald. Nein! Dochdoch. Niemals mehr ! Wir sind Kinder manchmal, und das ist gut so.

Kategorien: Fühlen

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