Es verhält sich ähnlich, wie mit einem Liebhaber, den man verlässt. Oder von dem man verlassen wird. Den man geliebt, und gleichzeitig gehasst hat. Mit dem man lachte und, manchmal gleichzeitig, weinte. Wenn man dem alten Geliebten begegnet, es ist immer überraschend, auch wenn das Zusammentreffen vorhersehbar war, klumpt sich der Magen zusammen. Bilder entstehen im Kopf und die Gefühle fahren Achterbahn: Rauf und runter.
Wenn ich mit dem Auto aus dem Tunnel rausfahre, beginnt das Tal meiner Kindheit. Berge auf allen Seiten, grün und schneefrei jetzt. Der See in der Mitte. So wie immer. Und die Gefühle blubbern. Immer. Jedes Mal. Die Einheimischen dort sind sehr eigen, vielleicht gerade weil sie von den Touristen leben, versuchen sie ihre eigene Identität festzuhalten. Iisereneine zu sein, ein hiäsigä, und dadurch akzeptiert, ist schwer. Die Geschichte des Urkantons hat sie geprägt, genauso wie die Berge ringsherum.
Da ist die uralte Holzbrücke, die mehr Geschichte mit den Menschen gemacht hat, die dort runter in die tiefe Schlucht sprangen. Weil sie lebenssatt sind. Da helfen auch die Gitternetze nicht, die sie vor ein paar Jahren angebracht haben, nachdem eine verzweifelte Mutter ihre Kinder runter warf. (Und zwei Jahre später sich selber.) Die Netze sind aussen angebracht, dort, wo die sozialen Netze versagt haben. Wer springen will, tut es trotzdem. Landet im Auffanggitter, robbt die zwei Meter und macht den Absprung in die Tiefe von dort aus.
Gestern waren da Blumen, weil letzte Woche wieder ein Mensch das eigene Leben nicht mehr ertrug.
Oder der Teufelsstein: Dort fängt die Hölle an. Sagten uns die Klosterfrauen im Kindergarten. Und: Wenn du nicht artig tust, jagt dich der Teufel über den Stein. Der Stein ist übersäät mit Fussabdrücken von Kinderfüssen, von gespaltenen Hufen, Klumpfüssen und (wenn man gut hinsieht) von Entenfüssen. Wie eingemeiselt . Geschliffen. Dennoch natürlichen Ursprungs.Er ist nur zu finden, wenn man mit der Geschichte vertraut ist. Man macht sich Gedanken, wie die Fusspuren dort hinkamen, dann vergisst man es wieder: Wer nicht an Gott glaubt, braucht den Teufel nicht zu fürchten.
Am Ende so eines Tages springt man am Besten in den See. Dessen Kälte diesmal, trotz eingesetzter Schneeschmelze, mild war. Man wäscht die alten Geschichten ab und fährt wieder heim. In den anderen Kanton. Wenn man dann aus dem Tunnel fährt, ist man wieder beim anderen zuhause angekommen und am Fuss des Pilatus.