Archiv | Dezember 2011

Brombeervilla

Unser Haus war wunderschön und hatte ein Blechdach, auf das der Sommerregen so trommelnd niederprasselte, dass wir uns zusammennehmen mussten, um nicht einzuschlafen. Neben der Türe, die keine war weil da nur der leere Türrahmen war, stand eine Holzbank auf drei Beinen. Ein Bein war abgebrochen und wir hatten grosse Steine aus dem Fluss darunter gestapelt, dass der Bank sicher uns zwei trug. 
Wir sassen oft dort und assen Brombeeren, die wir von den Büschen am Waldrand plückten. (Und uns dabei blutige Risse an Armen und Beinen zuzogen) . Barfuss, ohne dass unsere Füsse den Boden berührten.
Die Bank war zu hoch, als dass wir den Boden hätten berühren können.

Wir malten uns in den buntesten Farben aus, wie wir das Haus streichen (weiss oder rosa), eine Tischdecke mit roten Tupfen auf den nicht vorhandenen Tisch legen und Cola trinken. (Cola durfte ich nicht trinken. Meine Eltern waren der Meinung, dieses Getränk schade den Zähnen und mache die Menschen nervös).

Ein Leben lang wollten wir Freundinnen bleiben und in dem Haus zusammen leben. Mit den Männern, die wir mal heiraten. Meine Freundin wollte viele Kinder. Ich nicht. Dafür lieber einen Hund und eine Katze und ein Pferd und ein paar Ziegen und eine zahme Eule.

Das war zu einer Zeit, in der wir noch nicht wussten, dass Häuser nicht einfach so eingenommen werden können und Häuser eine Adresse haben müssen. Unser Haus war nicht einfach zu finden: Man musste den kleinen Weg nach der Brücke links gehen. Dann dem Maisfeld entlang laufen bis zum Ende. Dort bei den Tannen hochkraxeln bis zu den Schafen. Etwas weiter oben stand es dann, als hätte es darauf gewartet, dass wir es aus dem Dornröschenschlaf wach küssen.

Manchmal schrieben wir Briefe an uns selbst, die wir zu unserem (das war es inzwischen eindeutig: UNSER Haus) Haus schickten . Als Adresse schrieben wir Haselnussweg 7 oder Brombeerstrasse 13 oder Pfefferminzbusch 1.
Der Postbote behielt die Briefe selber: Sie fanden nie den Weg zu uns.
Obwohl wir ein grosses Schild aus Papier neben die Türe pinnten, auf dem stand: Post bitte auf den Küchentisch legen. (Mit mindestens 10 Ausrufezeichen. Dass es den Tisch dazu gar nicht gab, störte uns wenig)

Einen ganzen Sommer lang, und das ist eine Ewigkeit für Mädchen in unserem Alter, behielten wir das Haus als unser Geheimnis. Niemand erfuhr davon. Ausser dem kleinen Bruder meiner Freundin, aber das erfuhr ich erst viel später.

Als wir eines Tages nach der Schule dort hoch liefen, war unser Haus entzaubert worden. Geraubt, von einer Sekunde zur anderen entrissen. Mit entsetzten Gesichtern mussten wir einem dürren Männchen in der Kluft eines Bauern zusehen, wie er die kleine Wiese um das Haus herum mähte (Mohnblumen wuchsen dort und kleine, blaue Blumen deren Namen ich nicht wusste !) und dabei hustend in ein Taschentuch aus Stoff schneuzte.

Nein. Ein verzauberter Prinz konnte das nicht sein. Mit Bestimmtheit nicht !

Wir weinten. Beide. Lange und ausführlich. Aber erst nachdem wir weggerannt waren, als der Kauz uns barsch vertrieb, nachdem er uns bei der Tanne entdeckt hatte.

Irgendwann, schworen wir uns zum Trost, werden wir ein eigenes Haus haben. Mit einer richtigen Adresse.

Tugenden

Was ich momentan besonders gut kann:

-Mandarinen so schälen, dass die Schale wie eine Lotusblume aussieht

-Schlafende Menschen wecken

-Einer fallenden Schneeflocke zusehen und entsetzt sein, dass sie am Ende von einem Auto überfahren wird

-Mandarinen verschenken. Geschälte. Ich schäle sie lieber, als dass ich sie esse.

-Tagträumen. Und dabei einen enorm produktiven Eindruck machen.

-Mit klugen Worten viel sagen, was niemand versteht. Meist nicht mal ich selbst

-Sms tagelang nicht beantworten und mich dann beim Absender beklagen, dass sie nichts von sich hören lassen.

-Nachts ein Dutzend Mal aufstehen und am Fenster stehend überprüfen, ob Schnee fällt. Um dann :

-Morgens ängstlich am Fenster stehen und rufen: Es hat geschneit ! Und trotzdem viel zu spät losfahren.

-Der Länge nach mit dem Fahhrad im Schnee ausrutschen und mich umsehen, ob es jemand gesehen hat: Hat gar nicht weh getan !

-Einer Patientin glaubhaft sagen, dass sie eine schöne Frisur hat. (Chemo. Sie trägt eine Perücke) Und dann überrascht versichern, dass ich das (Perücke) nicht gewusst habe.

-Ich wars nicht ! Sagen

-Menschen sagen: Alles wird gut. Und dabei wissen, dass es nicht so ist.

-Kerzen anzünden. Ganz viele.

-Das Leben als grosses Drama ansehen und innert einer Stunde dies gedanklich in eine Komödie ändern.

-Eine Flasche Champagner für mich alleine trinken. Grundlos feiern. Auch wenn es nichts zu feiern gibt.

-Nähen. Stundenlang vor der Maschine sitzen und bunte Stoffe für Freundinnen in Kunstwerke  Ramsch verwandeln.

-Sinn- und Wertlose Stausmeldungen auf Facebook schreiben, die eh niemand versteht

-Die Tage zählen bis Weihnachten. Obwohl mir Weihnachten mit seinem Konsumstress voll am A. vorbei geht.

-Chai Tee trinken. Unzählige Tassen am Tag.

-Jeweils 3 Minuten lang die Zähne putzen, weil es der Schulzahnarzt damals gesagt hat

-Sagen: “Ich mag Schokolade nicht.” Und dann, wenn niemand im Büro ist, die halbe Schachtel leer futtern

-Ps. Kein schlechtes Gewissen haben dabei. Eher Schadenfreude

pic :Rebecca

Ich werde dich heiraten

Das war keine Frage, sondern es klang so bestimmt, als würde ein Arzt eine Diagnose stellen. Es war Sommer, weil es immer Sommer war, und wir sassen unter der alten Holunder die kaum mehr Beeren tragen mochte. Wir fühlen uns zu alt für den Sandkasten und offenbar reif genug für die Liebe. Und die gemeinsame Lebensplanung, die klar uns beide als Protagonisten führte.
Er war ein Jahr älter als ich, aber um einen Kopf kleiner, was dazu führte, dass ich mich nach der Schule manchmal prügelte für ihn. Während er dabei zusah und ich die Schläge abbekam, die er verschuldet hatte.
Liebende tun so was füreinander, also würden wir heiraten.
Bevor wir an die konkrete Planung gingen, ich wollte sieben Kinder und ein grosses Haus haben, mussten wir unseren Pakt besiegeln.

„Jetzt werde ich dich küssen“ Sagte er.

Die Holder bot nicht die Intimsphäre, die wir brauchten, seine Mutter konnte vom Küchenfenster aus zu uns herübersehen.
Also liefen wir zusammen, Hand in Hand, rüber zum Stall und von dort in den kleinen Schopf, der leer war.
Mein Zukünftiger erreichte mit seiner Nase gerade meine Schulter, was uns einen Augenblick verwirrte und er zog eine Lösung hervor, in Form einer alten Bierkiste. Sie war stabil genug um sein Gewicht zu tragen.
Da stand er, dünn und mit einem Haarschnitt, den seine Mutter immer so radikal machte, dass seine Kopfhaut zu sehen war.
Und da stand ich, mit zwei blonden Zöpfen, Sommersprossen und Barfuss.
„Du musst die Augen schliessen. „
Natürlich. Das hatte ich schon auf Fotos gesehen, Augen schliessen war wichtig.
Bevor ich sie schloss, sah ich seine Zunge, die die Lippen säuberte.
Das schien auch richtig zu sein, wir wuschen uns ja vor dem Essen auch immer die Hände.
Der Kuss, der allererste meines Lebens, war vorbei bevor ich richtig verstanden hatte, was da passierte: Etwas feuchtes, warmes drückte meine Lippen. Es hätte genauso die Schnauze eines Hundes sein können, aber das sagte ich ihm nicht.
Unser Heiratsversprechen war besiegelt: Wir waren verlobt. Leider hielt die Liebe nicht lange, wir zogen noch im gleichen Jahr weg. Anfangs schrieben wir uns noch Briefe, die immer weniger wurden.

Und ich hatte kein schlechtes Gewissen, als ich dann einen anderen küsste.

Die Witwe

Ihre Brüste sind gross, üppig und haben immer die Tenzend, sich aus ihrem Dekollete zu befreien. Als würde eine unbedachte Bewegung ihnen zur Flucht zu verhelfen. Sie hat nie Kinder gestillt. Dieses Tatsache empfindet sie beinahe als tägliche Anklage, wenn sie sich im Spiegel betrachtet: Ihre Brüste waren einzig zum Vergnügen ihres Ehemannes da. Zur Zierde in schönen Kleidern. Ein schöner Blickfang für jene, die ihr beim Betreten eines Raumes nicht ins Gesicht gesehen haben. Sondern den Blick genüsslich dorthin schweifen liessen, wo der Stoff der Kleider eine Zerreissprobe zu bestehen hatten.

Ihr Bauch wölbt sich satt nach vorne, wellt sich ein bisschen. Erinnert an die Gastlichkeit und Gemütlichkeit einer dicken Köchin, die hinter einem Herd steht und schwungvoll in brodelnden Töpfen rührt. Der Bauch hat die Reife, die alte Kulturen noch zu schätzen wussten.

Während ihr Hals dem Alter Tribut zollt und sich, ähnlich der Rinde eines alten Baumes, faltig wellt.Die die Schwerkraft vom Grund der Erde sendet.  Wie eine zartes Gewebe, das etwas wertvolles umhüllt.
Ihr Haut ist makellos weiss. Pergamentartig zart. Eine Provokation ! Findet sie. Eine Anklage wie ihre grossen Brüste: Zu nichts nutze. Nicht mal mehr zum Gefallen ihres Liebhabers, der vor Jahren schon das Zeitliche segnete.

So bleibt ihr nichts, abgesehen von einem grossen Vermögen, und einer einsamen Zukunft. Und eines zügellosen Nachbarn der gerne betont, dass er die Witwe zum Beweis seines guten Willens flachlegen will. Ohne Umschweife seine Hände dort vergraben will, wo die Jugend eine zerklüftete Erinnerung hinterliess.