Fühlen

Lass los

Er wusste, dass er starb. Spürte es vielleicht so, wie die Verspannung im Nacken Kopfschmerzen ankündigt. Oder das Brennen im Hals und die tropfende Nase die Anzeichen einer beginnenden Erkältung sind. Oder anders ? Spürte er den kommenden Tod doch ganz anders ?

Ich weiss es nicht: Ich bin noch nie gestorben. Abstrakt. Nur schon der Gedanke, der kleinste Hauch davon, wird in den Keller der Seele gewischt.
Als er mir gestern in die Augen sah, spürte ich, dass er es genauso wusste, wie ich: Der Tod trieb sich vor seiner Tür herum. Lief auf Zehenspitzen hin und her, duckte sich hinter die Ecke der Türe, kicherte und amüsierte sich ob dem Spiel, dessen Spielregeln den Lebenden unbekannt sind.
Komm ich oder komm ich nicht ? Sag du es mir. Jetzt oder später oder morgen ?
Er lag da, wenn die Schmerzen sichtbar stärker wurden, gab ich ihm Medikamente.Genug um nicht leiden zu müssen, zu wenig um in die Wogen des Vergessens zu tauchen: Schau nicht weg, sieh dem Tod in die Augen wenn er kommt, das nimmt die Angst.
Den inneren Kampf führte er trotzdem, wie all jene, die den Weg vor ihm gingen.
Ich kenne es, weiss um die Haltestellen und kenne die Schaffner auf dieser Reise ins Ungewisse. Habe gelernt zu beobachten und anhand wortloser Details , Schlüsse zu ziehen.

Er kann seinen Körper nicht verlassen, vielleicht, weil er nicht in sich zuhause ist. Wie kann es sein Haus verlassen, wenn er sich darin nicht spürt ?
Ich versuchte ihm seine äußere Hülle spürbar zu machen, in der Folge debattierte er mit Menschen aus seiner geistigen Welt laut: “Geh weg …! Pass auf, das Wasser ! Mike. Komm, hilf mir den Schlitten zu ziehen…Mike.”
Ich hielt seine kalte Hand, hörte zu, hielt seinem Blick stand und war Mike und ich passte auf das Wasser auf. Prioritäten setzen, die anderen Patienten können warten.

Man kann ihn sehen, den Tod. Wenn er sich über das Gesicht legt und den letzten Atemzug stielt.

Später würde ich jemanden fragen von seiner Familie: Wer ist Mike ? Und sie würden mir erzählen, dass Mike sein Bruder ist. Er war gestorben. Und ich würde mir nochmals meine Hände waschen und , aus Gewohnheit, desinfizieren. Auf der Heimfahrt nach der Schicht würde ich denke: Mist. Eine Geburt zum Jahresanfang wäre mir lieber gewesen als ein Tod.

Aber wir haben sie nicht, die Wahl.

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4 Gedanken zu “Lass los

  1. Danke. Weisch…Ich habe in den Jahren schon viele Menschen sterben sehen. Jeder stirbt anders und doch ist der Tod immer gleich.
    Wenn er mich mich mal kalt lässt innerlich, dann wechsle ich den Job.

  2. Ich startete mit einem Todesfall ins neue Jahrtausend. Ein alter Mann. Still und leise. Der Gang der Zeit. Und gerade deshalb für mich ein passender Beginn.

    „…ihm seine äußere Hülle spürbar zu machen.“ Interessanter Gedanke. Habe ich mir noch nie überlegt. Wie machst du das?

    Prioritäten setzen zerreist mich manchmal. Aber weniger als das nicht Setzen von Prioritäten.

  3. Prioritäten setzen ist immer so eine Gratwanderung.
    Was mir an die Substanz geht ist das Arbeiten nur noch nach Prioritäten: Wenn keine Zeit mehr für die kleinen, wichtigen, Dinge bleibt wie ein Gespräch. Wenn andere die Prioritäten für mich setzen.

    Zur äusseren Hülle: Ich mache das mit basaler Stimulation. Je nach Situation und Patient. Oder schlicht, indem ich mit beiden Händen die Kontur des Menschen ausstreiche. Kopf, Herz, Füsse.

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