Schreiben

Prioritäten ?

Ich habe Zellulitis.
Sie sagt das leise, fast flüsternd. Und es klingt so, als würde sie sagen: Ich habe Krebs. Aids oder ich habe meinen Mann umgebracht.
Ihre Hände kneten verzweifelt die schlanken Oberschenkel in den Jeans. Das Gegenüber, an die ihre Worte gerichtet sind, ist hübsch und nickt als Antwort lange und verständnisvoll. Sie streicht sich  eine lange Strähne hinter ihr Ohr und fragt, was sie denn schon alles dagegen versucht habe. Alles ! Sagt sie, fast wütend. Teure Cremen, Massagen, Diäten, Schwimmen, Tabletten. Sie wirft die Kippe ihrer Zigarette auf den Boden, ihre kleine Tochter nimmt sie und steckt sie sich in den Mund.
Ihre Mutter schreit sie an, lass das. Nimmt die Kippe erneut und wirft sie in einem hohen Bogen auf die Geleise der Bahn.
Mein Sexleben leidet, ich muss immer an meine schwabbligen Beine denken, wenn wir zusammen schlafen. Ihre Freundin beschwichtigt, legt ihr versöhnlich ihre Hand auf den Arm . Sie scheinen gemeinsam zu leiden. Ob sie es schon mit der neuen Folientherapie versucht habe , fragt sie. Die andere ist plötzlich hellwach, zuversichtlich.
Sie besprechen gemeinsam, wo diese Therapie möglich ist. Über die Kosten darüber wird nicht geredet. Das kleine Mädchen lacht mich an, ich lache zurück und habe dadurch die Aufmerksamkeit der beiden Frauen. Sie schauen mich misstrauisch an, wenden sich etwas ab und wechseln das Thema.
Meine Brüste sind schlapp. Mit dem dreizehnten von K. und mir werde ich sie machen lassen. Sie umarmen sich, die eine freut sich für die andere.
Der Zug fährt ein, spuckt ein paar Menschen aus und verschlingt die beiden Frauen. Schade. Das kleine Mädchen war süss.
 
Zuhause werde ich abends von Zweifeln gepackt und mich nackt vor den Spiegel stellen. Mich in alle möglichen Positionen bringen, die Haut an den Beinen mit Daumen und Zeigefinger kneifen, suchen suchen. Befriedigt werde ich keine Dellen finden. Ich bin zufrieden.  Die Ursache wird nicht an einer stabilen Haut liegen, sondern schlicht daran, dass ich kein Licht im dämmrigen Zimmer gemacht habe und die Brille nicht trug.
Besser so.
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9 Gedanken zu “Prioritäten ?

  1. dieses lied gehört zu meinen favorite ever-greens. und zwar genau von gary jules gesungen. nicht das original von tears for fears.

    also das was cellutite betrifft, ist es ein problem, dass man sich schafft, aber nicht hat. ich bin auch ab und zu davon infisziert. aber das leben bietet so viel mehr spannenende dinge, als ein paar dellen am körper, dass ich ziemlich schnell kuriert bin.

  2. meine worte :-).

    weisch. das waren sehr hübsche mädels, diese unzufriedenheit aber verlieh ihren gesichtern was verbittertes. altes.

    DAS wars, was mich beschäftigte.
    das charisma der menschen, die sich selber und dadurch ander lieben, fehlte gänzlich.

  3. Wir sind doch alle er-leuchtet 🙂 !

    Da kommt mir eine Geschichte in den Sinn: Vor ein paar Jahren traf ich Luisa Francia und sie erzählte mir, sie habe mal einen wirklich interessanten Mann getroffen.
    Als es darum ging, zusammen ins Bett zu gehen, sagte sie ihm, dass sie numal ihre Beine nicht rasiert habe.

    Er antwortete: Ja und ? Ich doch auch nicht.

    Da wusste sie, dass er der Richtige war.

  4. wildgans schreibt:

    das kleine mädchen wird angebrüllt, soso…..das ist nix gut. alles andre käse.
    gut beobachtet und in worte gekleidet, faltenlos. super!

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