Schreiben

Keine Freiheit hinter Gittern

Freiheit….ist dann, wenn man eine Zellentür hinter sich schliesst und nach Dienstschluss ins Auto steigt, um irgendwo noch ein Glas Wein zu trinken kann. Draussen.
 
Die Tage im Jugendstrafvollzug waren ein Blick in eine Welt, die mir ganz viel mitgegeben hat. Und ich werde noch einige Zeit brauchen, um alles sacken zu lassen. Einzuordnen. Die Jungs, die jüngsten sind gerade 17 geworden und gleich alt wie mein Sohn, und haben oft schon Wege hinter sich, die unglaublich scheinen.
Wut und Aggression zu äussern, verbal und körperlich, ist einfacher als zuzugeben, dass sie verzweifelt sind und traurig. Sie sehen sich oft als Opfer, haben den Zugang zur Wahrheit, dass sie straffällig wurden weil sie ein Delikt begangen haben, noch nicht integriert.
Es hat mich berührt, immer wieder, vor allem als die Jungs von der Gruppe sich von mir verabschiedet haben. Mir die Hand reichten und einer sagte:
„Geniess deine Freiheit und….grüss meine Mutter, wenn du sie siehst. Sag ihr…Dass ich sehr oft an sie denke und dass ich mich schäme. Weil sie sich für mich schämen muss.“
Sie zu sozialisieren ist der Job der Sozialpädagogen und Psychologen  dort. Ob sie es am Ende schaffen, einen anderen Weg einzuschlagen, ist oft fraglich. Zwei Drittel, statistisch gesehen, tauchen wieder auf. Und wieder. Die Arbeit lohnt sich trotzdem, unbedingt. Sie aufzugeben wäre falsch.
 
Worte ?
Bunker. Arrest. UP (Urinprobe). Auf Kurve gehen. Was gibts  zum Mittagessen?  Spielst du Tischtennis mit mir ? Gilt das ? Kann ich mit meinem Anwalt reden ?
Keine  Lust. Muss ich ? Scheisse, Mann….! Willst du wissen warum ich hier bin ? Ich habe keine Zigaretten mehr . Massnahme. Stao. Qualipunkte. Welche Stufe ?
Kannst du mir die Haare schneiden ? Filzen. Ist Post für mich gekommen ? Wer ist grad oben im Bunker ?
 
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5 Gedanken zu “Keine Freiheit hinter Gittern

  1. Ein wirklicher Beruf, Berufung und kein Job. Zwar mit professionellem Abstand, aber doch mit viel Herz und Empathie für Menschen dabei sein und auf das Beste hoffen.
    Schade, dass ich die Abzweigung verpasst habe und schön, dass es Menschen gibt, die anderen beistehen.

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