Schreiben

wild one

In der einen Hand trage ich ein paar Tomaten, in der anderen den grünen Einkaufskorb. Während leise Musik aus den Lautsprechern kommt und ich darüber nachdenke, ob mein Basilikum zuhause noch lebt.
-Lila ?
Sag jemand hinter mir und mir wird klar: Diese Stimme meint mich. Nur mich .
-Lila. Erinnerst du dich an mich ?
Ich erstarre innerlich, lege die Tomaten zurück, lache s und sage, ohne mich umzudrehen:
-Du hast dich nicht von mir verabschiedet.
-Doch. Das habe ich.
-Hast du nicht !
-Habe ich ganz bestimmt.
-Nein. Das wüsste ich !
-Doch….Dreh dich um. Lila. Bitte.
 
Wir waren mal zusammen. Nie richtig, aber auch nicht falsch. Es war einfach so, wie es war.
Damals. Er hatte lange Haare, trug nie Schuhe und besass immer diese Aura eines Geheimnisses .
Sein Hund, irgendwie hatte damals jeder einen Hund oder eine Ratte oder träumte zumindest davon, besass keine Hundeleine.
Er ist mein Freund, würdest du einen Freund an dich binden mit einer Kette ? Nein, würde ich nicht.
Wir teilten alles, die Gedanken, die Illusionen, ein bisschen Anarchie, die Musik im Blut und das Geld. Wenn wir es hatten.
Die Abende verbrachten wir oft am See, alle zusammen, spielten Frisbee, rauchten. Irgendwer war immer grad verliebt, oder eben nicht.
Wir lachten viel, das Lachen verband und rettete uns über die bösen Blicke, die uns die Gesellschaft oft zuwarf: Wir waren Aussenseiter.
Und wir kompensierten durch die Zärtlichkeit und Loyalität, die wir einander schenkten: Ich für dich und du für mich und wir alle gemeinsam.
Gegen den Rest der Welt.
Entrückt von der Realität manchmal, gelebte Schwäche, bauten wir Brücken, schlugen Purzelbäume. Die Weltgeschichte hatte nicht auf uns gewartet und wir würde niemals Geschichte machen, und dennoch war die Zeit damals eine sehr wichtige: Sie machte mich stark und das RevoluzzerGen lebt noch immer in mir. Leise. Aber es ist noch immer da.
Unsere Ampeln standen auf Grün. Unsere Blicke waren zwar trotzig, aber auch suchend und wenn wir stritten, mitunter heftig, verloren wir nie den Respekt zueinander.
Wir trugen Narben davon, hoben aber dennoch jeden Morgen das Gesicht zur Sonne. Breiteten die Arme aus und umarmten das Leben, das wir hatten.
Zwei von uns starben: Sie wollten mehr und ertrugen das Gift nicht.
An all das erinnerte ich mich, als er mir im Supermarkt gestern in den Nacken pustete und sagte:
-Dreh dich um. Lila. Bitte.
Wie lange ist das her ? Zwanzig Jahre oder mehr ? Ich war siebzehn, er zwanzig.
Seine Haare sind noch immer lang, er ist noch immer schlank und seine Stimme hätte ich aus tausend anderen heraus erkannt.
-Kann es sein, dass du noch schöner bist als damals ?
Fragt er. Und erzählt, wie er damals einfach nach Griechenland fuhr. Es hätte auch Spanien oder Italien sein können. Wie er sich dort ein einfaches Leben
aufbaute, Schafe und Olivenbäume. Von seinem Glück, dort noch immer zu leben. Manchmal kommt er zurück in die Schweiz, besucht seine Mutter und geht wieder.
-Ich fahre morgen zurück. Komm mit Lila.
Ich lache. Jaja, schon gut.
 
Nach einer gefühlten Ewigkeit und vielen Antworten umarmten wir uns. Der Abschied, den ich zwanzig Jahre vermisst hatte.
Zuhause angekommen stellte ich fest, dass ich keine Tomaten einkauft habe.
 
 
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11 Gedanken zu “wild one

  1. sommermoon schreibt:

    die abgeschlossene umarmung und noch viel mehr sind es……….die die tomaten eben haben tomaten sein lassen. waren in diesem ewigen augenblick nicht mehr wichtig. 🙂

  2. Nein, es ging nicht um Tomaten und Basilikum.
    Wirklich nicht.

    Etwas surreal war, dass ich zwanzig Jahre nicht wusste, was aus ihm geworden ist. Und die Umarmung war eine, die ein Kaptitel schloss. Und gleichzeitig Erinnerungen wach rief…

    Der Zeitpunkt ihm nach Griechenland zu folgen, ist eine denk- und fühlbar schlechte ;-).

  3. @rockige…Schafe hüten und Olivenbäume schütteln und mit einem langhhaarigen Mann leben dort ?
    🙂
    Er hat weder Internet, noch Handy.
    Wir Blogger würden dich vermissen: Bleib hier.
    (Lila die Egoistin)

  4. In Griechenland hält man zudem diese Aussteiger heute (ich vermute: aus hügienischen Gründen) von den Touristen fern. Ich hab mir das einmal in Kreta erklären lassen. Man müsste also auch auf viele Kontakte verzichten. (OK, das wäre nicht immer ein Nachteil.)

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