Leben, Staunen

Vom Käse, dem Totenkopf und anderem

Sie stand vor mir in der langen Schlange in der Bücherei . Diejenige, die sich in der schönsten Stadt der Welt befindet, notabene.
Ein Girl, die keine andere Farbe ausser Schwarz trug: schwarze Netzstrümpfe, schwarzer Rock, schwarze Springerstiefel, schwarze Haare, schwarzer Lippenstift.
Sie wirkte gelassen, drehte das DVD, das sie sich auszuleihen im Begriff war, hin und her und las die Rückseite durch.
Ein Vampirfilm, da war ich mir sicher. Kopfkino einschalten und den Klischee- Knopf gedrückt halten. Oder so ein düsterer Thriller. Nein. Vampir.
Vor dem Gothikgirl stand eine ältere Frau, Typ nette Oma. Sie hielt zwei Bücher in den Händen. Sie war viel kleiner als ich und trug Gesundheitschuhe, Dauerwelle und ein verträumtes Lächeln. Rosamunde Pilcher, natürlich las sie Rosmanunde Pilcher: Das tun alle alten Ladys. Bestimmt konnte sie es kaum erwarten, zuhause zu sein, um mit dem Buch anfangen zu können.
Hinter mir schloss sich ein Mann an: Die weissen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden, ein bisschen Bohemien, und der Typ Lehrer, der an einem Gymnasium Kunst unterrichtet. Ob er Max Frisch in seinen Händen zu Ausleihe trägt ? Nein, Frisch hat er längst gelesen. Dürrenmatt auch. Dostojewiski und Thomas Mann auch, alles schon gelesen. Was nun ? Würde er sich gar der modernen Literatur zuwenden ?
 
Die Oma stand inzwischen an der Ausleihe. Sie kramte verzweifelt in ihrer geblümten Tasche. „Ich habe den Ausweis doch irgendwo…Ich weiss es. “
Der Blick der Bibliothekarin schien gelangweilt, vermischt mit einem Hauch Mitgefühl. Die alte Dame beförderte, wie aus einer Wundertüte, jeglichen Inhalt
der Tasche ans Tageslicht: Eine Flasche Wasser. Eine Brieftasche. Eine lädierte Agenda. Ein Stück eingeschweister Käse. Eine rote Hundeleine.
Taschentücher, jede Menge Papiertaschentücher. Einen Hausschlüssel. Einen Apfel.
Als die Dinge auf dem Tisch lagen, wurden sie durchsucht, die Bibliothekarin blieb unbeteiligt, und alles zurück in die Blümchentasche geschoben. Der Käse
durfte als letztes in die Tasche.
Ihr Buch, weit ab von Rosmaunde Pilcher übrigens, durfte sie trotzdem mitnehmen.
Der schwarze Goth blieb still, als auch sie an der Reihe war. Die Transaktion bei der Ausleihe war eine kurze Sache, die sich rein nonverbal abspielte. Das hat vielleicht damit zu tun, dass sie musikalisch verkabelt war. Als sie an mir vorbei zum Ausgang lief, konnte ich sehen, dass die Blacklady einen kitschigen Liebesfilm in ihre schwarze Totenkopftasche schob.
(Ich liebe Klischees).
Und der Dandy hinter mir, der der so gut roch und so charismatisch aussah ? Er lieh sich ein halbes Dutzend P.M. Hefte aus. Wissenschaft also.
 
Ich liebe die Bibliothek, Sozialstudie auf höchstem Niveau. Und wunderbar, um die eigenen Klischees mal wieder ad akta zu legen. Bis zum nächsten Mal.  

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5 Gedanken zu “Vom Käse, dem Totenkopf und anderem

  1. @Aprikose…schön dich hier zu lesen 🙂
    Das Leben an sich IST spannend, wenn man es mit wachen Augen sieht.

    @TM….Du hattest recht ! Jaja. Obschon es einige Servantes gibt, google sagt das, dies aber Familiennamen sind. Glaubs.
    *schmatz* . gäll.

  2. @ngb…für mich ist das PM als wissenschaftliche Lektüre durchaus lesenswert. Ja. Und wenn ich dadurch auf ein Thema aufmerksam wurde, tiefer reinknien will, besorge ich mir ein Buch darüber.

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