Schreiben

Kunst erfassen

Es ist ungewohnt, fremde Menschen in intimer Nähe zu meinen Bilder zu beobachten. Sie reden miteinander, über das was sie sehen. Leise, tuschelnd. Manchmal schnappe ich Gesprächsfetzen auf. Kunst ist subjektiv und beim Betrachten wachen innere Bilder auf. Niemand reagiert taktil und berührt die Bilder, obwohl das bei meinen Werken durchaus wünschenswert ist. Sie sind nicht hinter Glas, dürfen er-fasst werden, weil ich manchmal Sand oder Stoff oder Papier als Struktur verwende.
Ich beboachte eine Frau, die versunken hinter einem grossformatigen Bild steht: Ihr Gesicht spiegelt beim Betrachten eine Verletzlichkeit wieder, eine Trauer, die mich Abstand nehmen lässt. Will sie in ihrem Prozess des Denkens und Fühlens nicht stören, das käme einem blanken Voyeuirsmus gleich.
Später kommt sie auf mich zu, fragt, ob sie mit mir reden darf. Dann erzählt sie, warum sie das Bild so berührt hat, warum sie sich so damit identifiziert. Sie sei in der gleichen Situation wie der Mensch auf dem Bild. Ich höre ihr zu, sehe ihren inneren Kampf auf dem Gesicht. Dann nimmt sie meine Hand, erforscht mein Gesicht und bedankt sich, bevor sie geht.
 
Eine andere Frau fragt mich, wie ich dazu kam, Anna zu malen. Ich erzähle ihr, dass sie im Begriff war, ihren Mann zu verlassen. Und sie diesen neuen Weg gerne auf Leinwand hätte. Sie sprach über ihre Ängste und ihre Hoffnungen, während ich mit dem Pinsel versuchte, ihr Gefühl zu erfassen. Es entstand ein Bild in starken Rottönen, mit der Silouette einer nackten Frau,mit dem Blick an den Horizont und einem fast männlich breiten, starken Rücken.   Drei Jahre später kam sie lächelnd  zurück, brachte mir das Bild wieder und sagte: Ich brauche es nicht mehr. Mal mir ein neues.
 
Haben sie die Bilder gemacht ? Fragt mich jemand. Ich nickte. Dann sagt sie: Ich dachte immer, dass Künstler so..so..anders aussehen als sie.
Vielleicht eher mit wirren, roten Haaren und Farbtupfern im Gesicht ? Oder zumindest einer intellektuell wirkenden Brille ?
Ich lache, erwidere nichts und sie sagt: Nicht wahr, man muss einem nicht immer alles ansehen.
Wie wahr.
 
Die meisten Besucher sprachen gar nicht oder fühlten sich eher zu den Bildern meiner Kollegin hingezogen, die fast ausschliesslich thematisch Bilder von Tieren malt.
Oder sie begeisterten sich für die Keramik einer anderen.
Während ich damit beschäftigt war, einfach in der Rolle der Beobachtenden zu sein.
Spannend.
 
 
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10 Gedanken zu “Kunst erfassen

  1. sommermoon schreibt:

    tja so sind die geschmäcker und sichtweisen anders……
    ich freu mich immer wenn ich mir die bilder von dir ansehe…… :-)…… und bin stolz darauf …..zu haben…..

  2. Lilu. Berühre weiterhin Menschen, die den Mut haben sich berühren zu lassen.
    Du hast bereits gewonnen. Ich weiss das!
    Und übrigens: Pferte, öhm, Pferde malen kann jeder, wenn er fleissig ist.

  3. hmmm … ich wußte gar nicht, daß du malst… und sogar mit ausstellungen.
    so ein glück.
    meine bilder gibts nur auf meiner website bei den gallerien und bei artmesh.org – aber das ist zumindest schon ne künstlercommunity.
    für ausstellungen hats noch net gereicht.

    gratuliere
    lucia

  4. @ethelind…harley trotz regen ? freue mich auf dich 🙂

    @sommer…die bilder die du von mir hast, waren immer nur für dich bestimmt. nie verkäuflich oder austauschbar.
    originale, wie du eines bist 😉

    @don…das pfert hängt noch immer. dänk. (danke für deine motivation und die ehrlichkeit)

    @lucia…schön dich mal wieder zu lesen ! austellungen sind gut, um netzwerke zu bilden und mit anderen menschen in kontakt zu kommen. irgendwie hatte ich das glück, die bilder der öffentlichkeit preiszugeben.
    aber in einem ganz ganz kleinen rahmen.
    gibts du mir bitte den link zu deiner kunst ?

  5. ethelind schreibt:

    ohne harley dafür mit tastenden fingern. schön wars. merci für die führung durch die ausstellung. viele ideen die da in meinem kopf rumschwirren 🙂

  6. @lucia…habe ich mir kurz angesehen. dass du digital art machst, ist mir neu. (ja ja, ich weiss vieles nicht 🙂 ) gucke ich mir gerne genauer an, wenn ich zeit und muse habe.
    (geht grad gar nicht. vielleicht sollte ich dazu wirklich mal nach berlin fahren…)

    @ethelind…war schön dich live zu sehen gestern. und auf die umsetzung deiner ideen bin ich gespannt, gäll ¨!

    @frogg…danke. obwohl und eben:kunst ist subjektiv. den einen gefällt es, den anderen nicht. und das soll so sein. punkt. 🙂

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