Befindlichkeiten

Anders als du denkst

Der Anlass schien ein wichtiger zu sein, wenn man die edlen Klamotten der Menschen als Vorgabe nimmt: Sie tragen Labels, die ich nicht kenne und nicht tragen würde,
lächeln mit Zähnen, die weisser als weiss sind und alle scheinen den gleichen Zahnarzt zu haben. Man spricht leise miteinander, verhalten, begrüsst sich mit Küsschen und wackelt auf hohen Absätzen von einer Gruppe zur nächsten. Die neu Hereinkommenden werden taxiert, begutachtet und in ein Raster gepresst: Passt oder passt nicht. Sehen und gesehen werden. Das Auge erfasst alles. Und nur das zählt.
Sie steht scheinbar teilnahmlos neben dem Eingang: Eine Kleinmädchenfrisur mit Pony, graue Haare und eine Jacke, die sie drei Grössen kleiner tragen könnte. Dunkle Farben, die sie noch älter machen, als sie vermutlich ist. Ihre Haltung ist leicht gebückt, als trage sie eine schwere Last auf ihren Schultern. Sie weigert sich, sich den Gruppen anzuschliessen und steht beharrlich an ihrem Platz. Sie gehört nicht dazu, denke ich. Vielleicht ist sie zu früh da und eigentlich dafür zuständig, dass der Saal später aufgeräumt wird. Oder sie hat kalt und floh für einen warmen Moment in die Halle. Soviele Clochard frieren in den Städten momentan ! Ich lächle ihr zu: Randständige oder Menschen, die nicht mit dem Strom der Masse schwimmen, faszinieren mich mehr als andere.
 
Ich verliere ich sie aus den Augen. Tausche mich aus über Neurosen, Leberzirrhosen und die Kostenexplosion im Gesundheitswesen.
Später werde ich sie als angesehene Referentin auf der Bühne wieder sehen und mein Klischeedenken wird laut polternd in den Keller fallen. Ich werde lachen, weil ich mir die bekannte Ärztin, die auf dem Flyer angekündigt wurde, ganz anders vorgestellt hatte: Welcome in der Wirklichkeit, Lila.

Ufo …Doctor Doctor  (lange ist es her…aber immer wieder gut !)

 
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10 Gedanken zu “Anders als du denkst

  1. Stimmt. Und du hättest mein Gesicht sehen sollen…Ich meine…Vor ihrem Referat hätte ich ihr beinahe einen Drink spendiert oder ihr mein restliches Geld in die Hand gedrückt 😉

  2. Meine Worte !
    Ein bisschen enttäuscht bin ich schon. Über mich selbst. Bin voll in die Falle der Vor-urteile geklatscht.

    *Mann schabe mich bitte vom Asphalt und gebe mir noch mehr Pfefferminztee*

  3. Es lag nur an Deinem Interesse für besondere Menschen und das ist ja ok, nein, es ist schön.
    Du hast zwar interpretiert, aber nicht um zu verurteilen oder zu bewerten.
    Deshalb finde ich es nicht verwerflich, sondern nur lustig (für Deine Leser 😆 )

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