Befindlichkeiten, Leben

Neben den Geleisen

Ich hatte es nicht. Yvette hatte es auch nicht. Baba hatte es ebensowenig. Anita auch nicht. Aber weil Claudia es hatte, hatten wir es alle.
 
Wir wohnten zusammen in einer WG,  wir waren noch in der Ausbildung/Studium und hatten dementsprechend nicht viel Geld zur Verfügung. Also teilten wir uns grundsätzlich alles. Zickereien gab es kaum und wenn, dann wurden sie laut ausdiskutiert: Die eine schlug bestimmt immer der anderen die Tür geräuschvoll vor der Nase zu, während die stehengelassene an die alte Tür polterte und ihr vorwarf, egoistisch und nicht konfliktfähig zu sein.
Wir teilten die Jeans, die letzten Zigaretten, die Erfahrungen, Träume, Allstars, Yoghurt und meistens auch die Wut auf ‚ungerechte Noten und unfähige Lehrer‘. Unser Kühlschrank war voller Postkarten oder Einladungen für irgendwelche Partys. Die Stühle in der Küche und den Küchentisch hatten wir vom Vormieter übernommen : Drei der Stühle wackelte so bedrohlich, dass wir irgendwann beschlossen, Ende des Monats neue zu kaufen. Jede sollte einen Stuhl kaufen und so kamen wir zu dem lustigen Sammelsurium der Stühle, weil keiner so aussah wie der andere. graffitis20dammstrasse200021
Die Miete war so ausgesprochen tief. Vielleicht war es so, weil das alte Haus so zentral stand, aber direkt neben den Geleisen, auf denen bis tief in die Nacht alle halbe Stunde eine Bahn fuhr. Die Briefkästen waren nicht abschliessbar, sondern liessen sich durch einen kleinen Hebel öffnen, der angebracht war. Das Krankenhaus war zu Fuss in zwanzig Minuten erreichbar, darum wohnten zu jener Zeit viele Krankenschwestern dort.  
 
Aber. Ich schweife ab. Weil ich heute früh direkt in meine Erinnerung fiel, oder eher schwebte. Auf einer süssen Parfumwolke nämlich. Yvette, Baba, Anita, Claudia und ich. Wir hatten den Power und uns gehörte damals die Welt, wir waren jung – alles war möglich in der gedachten Zukunft- und weil Claudia es hatte, hatten wir es alle: Das Parfum nämlich. Das damals so trendy war und das sich keine von uns leisten konnte. Sie bekam es von ihrem Kurzzeitlover geschenkt, stellte es ins gemeinsame Badezimmer und fortan rochen wir alle gleich.
 
Als ich heute früh unerwartet  in diese Joopwolke platze, die eine Frau hinterliess, war ich eine lange Sequenz lang wieder sehr jung. Und alles ist möglich. Auch heute noch .
 
Standard

5 Gedanken zu “Neben den Geleisen

  1. ethelind schreibt:

    bei mir laufen etliche filme (inkl. abspann) ab, wenn eine charlie-wolke meine nase kitzelt. phuu, frau glaubt es kaum, doch dieses äh, produkt wird immer noch zerstäubt.

    kaffeebohnenzuhilf! 🙂

  2. Mir wurde zu meinen Stuttgarter Zeiten (Ende der 70er) mal ein ganzes Fläschchen Patchouli übers Hemd geschüttet.
    Ich hab‘ mich dreimal geduscht, aber immer noch gestunken geduftet.
    Mein Hemd habe ich nach zwei vergeblichen Wäschen entsorgt.
    Vor einigen Wochen habe ich es auf einem Flohmarkt wieder gerochen und musste schmunzeln 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s