Befindlichkeiten, Leben

Der Nachbar

Jeden Morgen nach dem Aufstehen schaue ich irgendwann zum Fenster nach Westen raus. Meistens barfuss und mit der Zahnbürste im Mund. Dort kann ich den See sehen, wenn die Bäume noch kein Laub tragen. Und einen Garten, dessen Beete so akkurat gradlinig sind, dass sie so aussehen, als wären sie zuerst mit Bleistift auf Papier gezeichnet worden. Rund um die Gartenbeete herum sind immer Blumen. Nach Farben und Saison geordnet. Und wenn dann das Gemüse wächst, tut es auch das in schönen Reihen. Kein Blumenkohl und kein Salat scheint es zu wagen, aus der Reihe zu tanzen.
Manchmal sehe ich ihn morgens schon in seinem Garten; er schreitet gelassen durch seine Reihen, kontrolliert wie ein Feldwebel seine Pflanzen. Ich kann ihn nicht hören, aber ich kann sehen, dass er mit seinen Gewächsen redet.
Neben seinem alten Haus hat er das Holz für den Winter aufgeschichtet, es reicht mindestens für drei Winter. Harte Winter. Das Holz ist genauso ordentlich aufgetürmt. Die Enden sehen wie blank poliert aus.
Er trägt Hosenträger und manchmal Levis Jeans . Das einzige, was bei ihm nicht gradlinig verläuft, sind die Knitterfalten seines Lebens im Gesicht.
„Jaja. Es sollte mal wieder regnen…“ Sagt er mir manchmal, wenn wir uns sehen. Oder, je nachdem: „Blöder Regen. Morgen gibts Sonne…“ Er spricht am liebsten über das Wetter.
Oder darüber, dass eines seiner Hühner vom Fuchs geschnappt wurde.
Im Sommer oder wenn das Wetter warm ist, trägt er seine Frau in den Garten, die wegen ihrer Osteoporose nicht mehr alleine gehen kann, und setzt sie in einen Gartenstuhl.
Dort raucht sie Zigaretten,eine nach der anderen, gibt ihm Anweisungen, wo noch Unkraut wächst, das ihm entgangen ist.
Weil ihr Garten im Grunde viel zu gross für sie beide ist, bekomme ich im Sommer Unmengen von Tomaten, Salat und Karotten. Und er mein schönstes Lächeln dafür. Oder ich fange eines seiner Hühner ein, wenn sie mal wieder flüchten, und scheuche es zurück in den Stall. Dann liegen am nächsten Tag Eier vor meiner Türe.
 Blankgeputzt.
Standard

8 Gedanken zu “Der Nachbar

  1. @andi: Genau! Manchmal haben die Chaoten das chaotische so satt, dass sie sich für etwas entscheiden, was sie dann so perfekt ausleben, dass denn (zurückgebliebenen) Chaoten Angst und bange wird… 😉 Manchmal sind diese leute aber auch wirklich so einfach, und das macht den Chaoten noch viel mehr Angst… 😉

    @Lila: Wûnderschön geschrieben, der Text!

  2. Solche Nachbarn gab es in meiner Umgebung immer. Sie heißen bei uns „Nagelscherenmann“. Ich empfinde sie nur dann als eher unangenehme Zeitgenossen, wenn ihre Akkuratheit Maßstab für die Beurteilung anderer wird, die diesen unbedingt übernehmen sollen.

  3. Man hat so gemischte Gefühle wenn man über deinen Nachbarn liest. Der Satz „er trägt seine Frau raus“ hat mich hingegen sofort für ihn eingenommen. Und das Gemüse und die Eier … ach, ich glaube, die müssen schauen, wie sie jeden Tag organisiert bekommen und verdienen unseren Respekt! Jemanden zu pflegen ist eine enorme Aufgabe (durch meinen Hospizdienst bekomme ich oft mit, wie sich manche Menschen an dieser Aufgabe übernommen haben) und dieser Mann scheint in der Natur (selbst wenn er sie sehr stark bändigt) sein Gleichgewicht zu behalten.

    Ach ja: Jim Morrison: da stand ich auch vor kurzem. Mein Post dazu steht noch aus – kommt aber noch : c’est sûr-sûr

    Bonne soirée ronron!

    Ellen

  4. wildgans schreibt:

    überall trifft man sie, die geradlienigen. aber das mit den gaben der natur find ich klasse. schöne geschichte vom lande…
    wink

  5. Nun, ich mag den Kerl. Obwohl, oder gerade, weil er anders funktioniert als ich.

    Er ist in sich stimmig, ohne jemals zu meditieren oder Yoga zu machen. Authentisch ist er und eben kongruent. Wenn er flucht, dann tut er das ausgibig. Genauso hält er es mit allem: Irgendwie ist der alte Mann eben noch wirklich sich selbst.
    Stur sich selbst 🙂

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