Leben

Bürgerliche Revolution in Turnschuhen

Wir waren siebzehn. Oder achtzehn. Aber im Grunde spielte es keine Rolle, wie alt wir waren. Aber alles was über 25 war, hatte die Grenze und somit das Verfalldatum überschritten. Wir fuhren auf der Überholspur und Vollgas. Als gäbe es es kein Morgen. Der Punk hatte uns von England her eingeholt: Wir brauchten zu dritt einen ganzen Haarspray, um unsere Haare zu stylen. Oder benutzten dazu eine Flasche Cola, wenn das Geld nicht reichte.
Die geliebten Chucks an den Füssen und die Anarchie im Herzen. Einen tätowierten Stern am Arm und unzählige (sieben ?) Silbercreolen an den Ohren.
Wir bewegten unsere Welt, indem wir rumhingen (heute würde man ‚chillen‘ dazu sagen), über Karl Marx Kommunismus diskutierten, die Unfreiheit des kleinen Bürgers lachten oder uns Gedanken machten, wo das nächste Konzert stattfinden würde.
 
Verliebt waren wir, immer und immer irgendwie unglücklich. Und nur eines wussten wir mit Bestimmtheit: So wie die anderen, würden wir nie werden !Die anderen waren immer die Spiesser. Jene, die uns in wohlgefällige Portionen teilen wollten. Konform. Passend machen. Brave Steuerzahler, rund, ohne Ecken und revolutionäre Gedanken.
 
Als ich gestern an dem Konzert war, die geliebten Chucks an den Füssen (das ist, mit dem Stern am Arm, das einzige was blieb) spielten sie die Riffs so punkig, dass ich wieder siebzehn war. Im Herzen. Für die Dauer des Konzertes.
Und am Ende war ich froh, dass ich den Schlafsack von damals gegen ein warmes Bett getauscht habe. Dass ich zuhause über die Sneakers der Mitbewohner stolpere, eine aufgebrochene Cornflakespackung auf dem Tisch und die Katze vorfinde, die ihr Futter haben will.
Dass ich heute jeweils morgens erwache mit Haaren, die freiwillig in alle Richtungen streben, scheint eine Gemeinheit der Natur zu sein. (Was hätte ich damals dafür gegeben, SO auszusehen. )
Ausserdem mache ich mir Gedanken über die Steuern und dass ich den Rasen wieder mähen sollte.
Bürgerlich brav im Aussen zu sein, ist gar nicht so schwer. Es lebt sich ziemlich gut damit…
 

 

Was Mr. Roschee  zum gestrigen Konzert zu sagen hat.

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Ein Gedanke zu “Bürgerliche Revolution in Turnschuhen

  1. Liebe Lila,
    Manches an den äußeren Umständen mag bürgerlich erscheinen, aber im Herzen bist Du immer noch Punk – mehr als mancher mit einer Sicherheitsnadel durch die Nase. 🙂

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