Befindlichkeiten, Fühlen

Mohamed und Maike und die gelebte Sehnsucht

Wir fuhren mit dem Nachtzug durch Frankreich. Unser Ziel war Valencia und zugleich die Endstation des Zuges.Von dort aus wollten wir ans Meer fahren, wenn eine Bahn nach Portugal führe, würden wir den nehmen, dachten wir. Als wir den Zug in Lyon bestiegen, durchwanderten wir ein paar Wagen. bis wir tatsächlich ein Abteil für uns hatten. Wir waren müde und freuten uns auf die weichen Sitze, auf eingekuscheltes Schlafen mit dem Klacken der Bahnschwellen. Kaum hatten wir unsere Taschen ins Gepäcknetz verstaut, kam Mohamed durch die Tür. Er grüsste freundlich, setzte sich und er liess sich durch unser provozierendes Gähnen nicht davon abhalten, uns seine Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte, die die ganze Nacht dauerte.
Ein Monolog, unterbrochen von Fotos, die er aus seinem Portemonnaie zog und die er uns präsentierte: Drei schwarzlockige Kinder, eine üppige Frau und jede Menge Onkeln und Tanten. Tränen flossen in Strömen, wenn er von Algerien erzählte und wie er seine Familie vermisse. Natürlich würde er sie holen, irgendwann, wenn er dann erfolgreich bei seiner Jobsuche sein würde. Er viel Geld verdient und ihnen ein angenehmes Leben in Frankreich ermöglichen könnte.
Ich glaube, ich habe nie wieder einen Mann so weinen sehen.
Als er den Zug in Perpignan verliess, waren wir müder als zuvor. Wir wurden umarmt, geküsst und von ihm emotional adoptiert. Er schenkte uns seine letzten Zigaretten und wieder, wenn wundert es, Tränen des Abschieds. Von seiner Seite her.

Portugal erreichten wir übrigens auf dieser Reise nicht. Weil nach Perpignan irgendwann Maite zustieg. Und mit ihr dann eine andere Geschichte, die uns in ein pitoreskes Dorf am Meer führte und uns unter anderem die beste Paella bescherte, die ich jemals ass. Von Maite über einem offenen Feuer zubereitet.

Wir waren Fern-weh-fahrer, glückliche Nomaden, deren Trägheit in der Hitze die grösstmögliche Ausdehnung erreichte. Denen es gleichgültig war, wo wir schliefen. Ob Sterne über uns blitzten oder ein ungemachtes Bett eine luxuriöse Übernachtung bot. Unsere Ziele waren genauso flexibel und im Grunde keine. Manchmal sassen wir abends im warmen Sand, den Blick über das Meer an den Horizont geklebt. Kitzelnde Sandkörner an den Füssen, die Hand des Freundes streichelnd am Rücken. Die von der Sonne gold gebleichten Haare lockig von der feuchten Luft. Der gelebte Traum von der grösstmöglichen Freiheit, im Kopf Wurzeln schlagend.

Hair. Aquarius.

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