Befindlichkeiten, Fühlen

Spukhäuser, Wolkenschiffe und Äpfel

Ich war ein eigenartiges Kind. Eher ‚eigen‘ als ‚artig‘, was sich schon darin zeigte, dass ich oft zu spät zur Schule kam. (Und von den Mitschülern dafür ausgelacht wurde, wenn ich durch die Bankreihen verlegen zu Boden starrend, an meinen Platz stolperte.)
Ich verlor mich auf dem Schulweg in der Betrachtung von kleinsten Dingen, die andere Menschen, wohl als unwesentlich abgestempelt, nicht wahrgenommen hätten. Wolken mit Gesichtern. Steine, die wie Nasen aussehen. Schwarze Sommersprossen in Löwenzahn, die sich als krabbelnde Käfer herausstellten. Tautropfen auf Gräsern, die in der Sonne leuchteten. Das alte Haus mit den geschlossenen Fensterläden, in dem es spukte.
Zumindest war ich mir sicher, dass es so war: Ich kam nicht nur zu spät zur Schule, sondern oft auch zu spät nach Hause. Eine Weile stand ich unter dem Zwang, dass ich das Spukhaus beobachten musste. Um festzustellen, was für Geister darin ihr Unwesen trieben und, womöglich dadurch gar, Menschenleben retten konnte.
Niemand hatte Verständnis für meine Aktivitäten, die als absurd galten und Kopfschütteln auslösten. „Das Kind hat viel zu viel Fantasie !“ Schlossen die Lehrer und schrieben das auch immer in meine Zeugnisse. Ausserdem stand auch darin, dass ich während des Unterrichts zuviel mit meinen Banknachbarn rede und diese dadurch ablenke.
Ich wollte mich mitteilen und hätte am liebsten der ganzen Welt von meinen Erlebnissen auf dem Schulweg berichtet !

Einer der Lehrer schenkte mir zu diesem Zweck ein Heft: Dunkelrot aussen und reinweiss mit blauen Linien innen drinn. Ich liebte weisse Bögen, die ich beschriften und verkritzeln konnte. „Hier kannst du alles hinein schreiben, was du sonst gerne erzählst.“

Ich war glücklich, schrieb fortan Geschichten in das Heft, machte Zeichnungen dazu. Natürlich tat ich das auch während des Unterrichts. Es stand nie mehr im Zeugnis, dass ich schwatzhaft andere Schüler ablenkte, dafür war immer zu lesen, dass ich während des Unterrichts herumkritzle.
(Meine Kunstfertigkeit machte nicht vor dem Pult halt, den Matheheften, meinem eigenen /zuweilen auch fremden/ Etuis oder den Jeans: Ich verschönerte alles, was sich beschriften liess.)

Gestern beim Aufräumen stiess ich auf die Schulzeugnisse und Bewertungsbogen von Miss Cornflake. Bis sie 10 Jahre alt war, kam sie offenbar sehr oft zu spät zur Schule. Danach machte sie durch Kritzeleien während der Schulstunden auf sich aufmerksam.

Ich lächle und denke an einen süssen, roten Apfel. Der nie weit vom Stamm wegrollt.

…)*sweet child o mine*(…/G’n’R/

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7 Gedanken zu “Spukhäuser, Wolkenschiffe und Äpfel

  1. zuviel fantasie??
    bei doofen lehrern heißt das immer: das kind lügt wie gedruckt.
    fantasielos ist heutzutage die regel.
    welches glotzkind sieht noch tiere in wolken?
    der lehrer mit dem roten heft hatte DIE idee. kein doofer lehrer.
    glückwunsch zur apfelregel!

  2. Hier zeigt sich, dass auch „verträumte“ Kinder ihren weg im Leben finden werden, und nicht per se mit Ritalin zu mehr Aufmerksamkeit gepanscht werden müssen…

    Ich stimme Wildgans bei, der Lehrer mit dem Heft hatte wirklich ein goldenes Händchen. Hast Du das rote Heft noch?

    • nein, ich habe es nicht mehr. das heft blieb übrigens nicht alleine: es gab schlussendlich band 1-9 .
      die alle irgendwie verschwanden.

      ritalin gabs es damals noch nicht. nur das projekt POS kinder. so nannte man sie. die träumer und vor allem die zappelphilippe der schule.

  3. Was für ein schöner Text, ich muss schmunzeln, eigene Erinnerungen werden wach … in meinen Zeugnissen stand immer, dass ich Karikaturen zeichne :-).
    Die Apfeltheorie … bei uns leider nicht zutreffend.

    Einen lieben Gruß von
    Manu

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