Befindlichkeiten, Fühlen, Leben

Martin und sein Glück

Manchmal gibt es diese Momente, die fast sakral sind: Wenn das Aussen so warm leuchtet und das auf das Innen übergreift. Wenn der Atem einen Augenblick stockt, holpert, um seinen Rhythmus wieder zu finden. Wenn das Herz die Trommel ist, das ein Stakkato übt, während die warmen Stiefel weich im Schnee versinken. Man entlässt pustend Atemwölkchen, bläst warm in die kalten Hände, schaut sich aus der Ferne den kleinen Weiler an: Eines dieser Häuser mit den beleuchteten Fenster ist Villa Lila. (Das einzige dieser dreihundert Jahre alten Häuser, das nicht weihnachtlich beleuchtet ist.)
Man denkt, während man mit der Wölfin eine nächtliche Schneewanderung macht, an die vielen Wünsche. Hört in sich hinein: Da sind plötzlich keine mehr. Sie haben sie im gefühlten Momentglück aufgelöst.

Mein kleiner jüngster Mitbewohner liebt mich.
Diese Einsicht habe ich, seit ich kürzlich Caveman gesehen habe. Männer, so sagt man, reden kaum über ihre Gefühle:„Was fühlst du jetzt gerade ?“ „Nichts …“ „Aber irgendwas musst du doch fühlen !“ „?“.
Kleiner Mitbewohner hat nun mit wenigen Worten all seine jugendlichen Gefühle seiner Mutter gegenüber zugelassen und sie  in einem sms geschrieben :
-Es schneit hier …
Schrieb er. Und mir war klar: Er will damit sagen, dass er mich liebt. Er kann nicht anders, so ist es. Also schrieb ich zurück:
-Ich dich auch !
Das darauf folgende sms von ihm verstand ich nicht ganz:
-Hä ?!
Aber ich weiss: Er liebt mich. Nur weiss er es manchmal nicht und vor allem verpackt er seine Gefühle in getarnten Schneesms.

Dann war da noch Martin.

Martin sass mir gegenüber bei einem Anlass, an den man nur geht, wenn man dazu eingeladen ist oder jemand dort auf der Bühne steht, den man kennt.
Martin war mir als Gegenüber sozusagen zugeteilt worden. Zusammen mit seinen Eltern, die ich genauso wenig kannte, teilten wir das Ende einer langen Tischreihe .
Er fiel mir auf, weil er zwischen seinen Eltern sass und mich hemmungslos musterte, dabei sabberte er leicht. Seine Mutter, die offenbar unter juckender Dermatitis litt, wischte ihm mit einer Serviette den Schweiss vom Gesicht. Mit diesem praktischen Schwung, mit dem man eine Tischplatte abwischt. Während sein Vater Bier trank und den Sohn ziemlich ignorierte.
Als die Aufführung begann, blühte Martin auf, wobei sein Blick weiterhin konsequent auf mir ruhte, und er begann  mit den Händen zu klatschen. In einem seltsamen Rhythmus, der fast progressiv wirkte. Er lachte, strahlte, schob seinen Oberkörper im Takt hin und her. In den Pausen schwitzte und keuchte er laut vor Anstrengung. Das hörte sich ein bisschen so an, als würde röchelnd Dampf aus einer Maschine entweichen. Manchmal lächelte ich ihn an. Als Antwort wackelte er mit dem Kopf und klatschte weiter fröhlich in seine grossen Hände.
Als die Aufführung zu Ende war, wünschte ich mir, dass wir alle manchmal ein bisschen Martin sind: Egal was die Umgebung von uns denkt. Einfach die Gefühle authentisch zeigen. Ganz sich selber sein.

Der achte Tag

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5 Gedanken zu “Martin und sein Glück

  1. ou ! mir wird grad ganz warm. das herz ist kein muskel, sondern so ein schlabbriges ding, das beim lesen solcher postings unkontrolliert wummert und kocht ;-).

    danke !

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