Befindlichkeiten, Fühlen, Lachen

Der Bücherwurm

Jedes Mal wenn sie sieht, wie er sich mit dem Zeigefinger der linken Hand, er räuspert dabei immer etwas verlegen, die Brille zurecht schiebt, muss sie lächeln. Seine Brille gibt ihm nicht nur das Aussehen eines Mannes, der heimlich Bazooka während der Arbeit kaut und dessen Lieblingsbuch ‚Huckelberry Finns Abenteuer‘  ist. Oder ‚Wolfsblut‘ von Jack London.
(Schreiberin ist zwar kein Junge, liebt dieses Buch aber sehr. Noch immer.)
Sondern seine Brille neigt dazu, ihm regelmässig an seiner Nase herunter zu rutschen.

Wo wir dann wieder zum Beginn der Erzählung kämen: Der kleinen, aber feinen Beschreibung ihres Lieblingsbibliothekars.

Leser sollte wissen, dass es sie mindestens zweimal monatlich in die grosse Bücherei der nahe gelegenen Stadt zieht. Sie tut das seit Jahrzehnten schon so. Leser weiss auch, dass sie Bücher verschlingt, wie andere Schokolade oder Männer.  Zuweilen verleibt sie sich auch alle drei Dinge ein.
Aber niemals gleichzeitig: Alles hat seine Zeit.

Der Bibliothekar ist einer von zwei. Bibliothekarinnen gibt es ein Dutzend oder mehr dort. Ihn nur einmal.
Sie liebt seine Bewegungen, langsam und bedächtig, wenn er die Bücher an ihren Bestimmungsort ins Regal schiebt. Immer eines nach dem anderen. Niemals mehr als eines. Dabei schafft er mit der linken Hand, jene mit der er gewöhnlich die Brille wieder hoch schiebt, Platz bei den Büchern. Und reiht fast zärtlich das zurück gefundene Buch ein.
Er ist ein dunkler Bibliothekar. Nicht ganz dunkler Hautfarbe wie ein Afrikaner, aber viel dunkler als ein Europäer. Seine Handinnenflächen sind weiss. Manchmal summt er den Büchern etwas vor, Melodien, die sie nicht kennt. Manchmal bleibt sich länger als gewöhnlich in der Buchreihe stehen, an der er Ordnung macht. Beobachtet ihn verstohlen bei seiner Arbeit. Sie wird etwas verlegen, wenn er sie irritiert ansieht.

Heute sitzt er an dem Platz, an welchem die Bücher registriert werden, die auf die Reise gehen. (So nenne ich das. )Als sie an die Reihe kommt und die Bücher zur Rückgabe aus ihrer Tasche zieht, sieht sie, dass in ihrer Tasche eine Tube Handcreme geplatzt ist und dies die Bücher mit einer dicken Cremeschicht überzieht. (Sie hat immer eine Tube Creme dabei. Und einen Schokoladeriegel. Und einen Lippenstift. )
Sie wird verlegen, rot im Gesicht und stammelt eine Entschuldigung. Obwohl sie eher praktisch veranlagt ist, findet sie gerade heute keine Papiertaschentücher. Was gewissermassen noch mehr in Verlegenheit bringt.

Der Bibliothekar, der Nette, zieht einen grossen Karton Taschentücher hervor und gemeinsam putzten sie die Bücher. Zärtlich er. Praktisch sie. Das Lachen teilten sie. Und am Ende gibt er ihr noch ein paar Taschentücher mit:“Die kann man immer brauchen…“ Sagt er. Und dabei zwinkert er ihr zu.

Zuhause sieht sie, dass sie die ausgeliehenen Bücher liegen gelassen hat.

Standard

Ein Gedanke zu “Der Bücherwurm

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s