Befindlichkeiten, Fühlen, Schreiben

Schneeflocken und Körperbilder

Früher fiel Schnee an Weihnachten. Immer. Irgendwie hatte Weihnachten als Kind auch immer ein happy end. Das bestand aus Geschenken, aus einem Tannenbaum im Wohnzimmer mit richtigen Kerzen und jeder Menge Kartoffelsalat. Am nächsten Morgen hatte ich einen Kugelbauch, viele Geschenke bekommen und erwachte meist als erste. Damit ich die Glocken und Engel aus Schokolade essen konnte, die in glänzendem Einwickelpapier steckten. Ich ass sie mit Wonne und mit einem Plan: Pflückte ich mir diejenigen vom Baum, die durch einen Ast verdeckt waren, fiel es nicht so auf, dass ich wie ein Orkan darüber hergefallen war. Und bekam weniger Schelte dafür.
Ich hatte Schokoladereste unter den Fingernägeln.

Dieses Jahr bekam ich das erste Mal seit Jahren kein Buch. Niemand schenkte mir das-musst-du-unbedingt-lesen Buch oder das Buch-passt-so-total-zu-dir . Stattdessen bekam ich die erste Scheibe, die ich mir damals selber gekauft habe nach dem ersten Konzert mit 14: Iron Maiden. (Sie haben mich damals infiziert, haben den Rockvirus in meine Venen gespritzt, den ich nie mehr los wurde.)

Schneeflockengeschenke gab es keine .

Mein Weihnachtsmann ist tätowiert: Er schenkte mir gestern die ersten drei Stunden an meinem Körperbild. Ich litt und ich genoss es, beides gleichzeitig. Der Start eines Projektes, das mich das ganze Jahr über beschäftigte. Und gestern endlich zum Teil umgesetzt wurde.
In der Nacht wurde ich träumend verfolgt, Menschen waren hinter meinem Tattoo her. Meine erste Schritte heute morgen führten zum Spiegel: Es ist noch da.

Neben mir steht eine grosse Mülltonne. Diese Tage werfe ich alten Kram hinein, den ich mitschleppe. Gedankenmüll. Seelenmüll. Weg damit. Dafür entwickle ich Projekte, Visionen. Die ich mir passend zurechtschneide. Die neuen Dinge drücken noch ein bisschen, wie neue Schuhe oder Jeans. Aber mit der Zeit werden sie meine Form annehmen. Den Müll stellen ich abends raus: Vielleicht kommt jemand vorbei, den das eine oder andere für sich daraus nimmt. Ein Sicherheitsnetz habe ich diesmal keines.
Schliesslich habe ich gelernt zu balancieren. Den Mut dazu habe ich.

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7 Gedanken zu “Schneeflocken und Körperbilder

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