Befindlichkeiten, Lesen, Schreiben, Staunen

Die Hausschuhe von Edgar

Und an den Festtagen trägt sie ihr Seidenkleid. Es ist grün. Edgar hat es ihr mal geschenkt, vor Jahren .Vor den Festtagen putzt sie ihre kleine Wohnung sauber, die nie schmutzig ist. Sie nimmt all die kleinen Nippes runter, die überall stehen, wischt sie ab und stellt sie genauso wieder hin, wie sie vorher waren.
„Edgar mag Unordnung nicht“.
Sie wickelt Pakete und Geschenke ein für die Enkel, die sie irgendwann zwischen den Jahren abholen und mit ihr zu ihrem Sohn fahren. Dort feiert sie Weihnachten mit ihrer Familie.Die Geschenke, die meisten hat sie im Versand bestellt, weil sie nicht mehr so gut zu Fuss ist, stehen auf dem kleinen Tisch. Man könnte ihn ausziehen, wenn mal Gäste zum Essen kämen. Es war schon lange niemand mehr da. Zumindest nicht zum Essen.Für Edgar und sie reichte der kleine Tisch immer. Als er noch als Prokurist arbeitete, kam er mittags nie heim. Dann ass sie nichts.

In der Wohnung riecht es muffig, nach Schlaf und nach Kleidern, die selten gewaschen werden. „Heutzutage waschen die Leute ihre Kleider viel zu oft ! Die nutzen sich zu schnell ab dabei…“ Sagt sie.
Ihre Nachbarin ist im Krankenhaus: Schenkelhalsbruch. Der ultimative Albtraum aller alten Menschen. Sie sei ausgerutscht, auf der Eisfläche vor dem Haus. Der Hausmeister ist schuld ! Wozu gibt es Streusalz ?!

An den Wänden ist eine gemalte Maria. Die Kopie eines bekannten Kunstwerks. Und ein Mann hängt da leidend an einem Holzkreuz. „Edgar stammt aus einer angesehenen, katholischen Familie“. Sie hat Weihwasser in einer PET Flasche, die eine Bekannte jährlich in Lourdes für sie auffüllt. Sie benutzt es wie ein eau de cologne: Ein Spritzer da und ein paar Tupfen davon da. Das kann nicht schaden.

Die Finken von Edgar stehen neben dem Bett. Wenn sie Staub saugt, stellt sie diese kurz weg. Um sie dann, präzis, wieder neben den Bettpfosten hin zu stellen. Sein Bademantel ,“Ein Geschenk von mir“, hängt im Bad. Sein Schirm steht ordentlich aufgewickelt neben der Haustüre.

Edgar ist tot. Seit Jahren schon. Ihre Zeitrechnung platzte genau dann, als er starb und sie blieb dort in einer Zeitschlaufe stecken. Sie betrauert ihn noch immer. Irgendwie ist es doch so, dass er erst gestern starb. Und nicht schon seit über zehn Jahren beerdigt ist.

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Ein Gedanke zu “Die Hausschuhe von Edgar

  1. Dieses Weihwasser würde mich jetzt noch interessieren. Vielleicht beschützte es einen vor Unfällen, füllte man es in den Kühler seines Fahrzeugs. Ich befyrchte aber, das ist wie mit Bio-Eiern.

    Ich hab mal (aber nicht weitersagen) ganz normale Supermarkteier in eine Bio-Packung gesteckt. (Die war halt grad da.) Aber als ich die vor den Augen erklärter Bio-Logen aus dem Kühlschrank nahm, DAAA waren das plötzlich Eier! Die schmeckten! Und die Farbe des Eigelbs – hach! Das merke man schliesslich gleich, dass das keine normalen usw. — Die Kraft felsenfester innerer Überzeugung. Das war wirklich eine Erfahrung für mich.

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