Befindlichkeiten, Fühlen, Hören

Das Nirvana auf Erden ist lila

Sie konnte ihn schon vom kleinen Platz aus hören, dem Platz mit dem Kopfsteinpflaster mitten in der Altstadt, bevor sie in die kleine Gasse einbog. Die Tönen schlichen leise in ihr Ohr und kitzelten sie dort. Meistens mochte sie Strassenmusikanten nicht. Oft waren sie ihr einfach lästig. Sie stritten mit den Tönen, zerrissen sie und boten sie, geflickt oder zerstückelt, den Passanten ungefragt an. Für diese Beleidigungen bekamen sie manchmal Geld.
(Oh. Sie liebte dafür andere Strassenkünstler um so mehr. Die leisen. Die lustigen oder die bunten. Nur die lauten mochte sie nicht)

Diesen, das entschied sie, würde sie mögen. Weil sie sich dessen so sicher war, schlich sie in das grosse Kaufhaus mit den bunten, billigen Kleidern, einfach um ihm heimlich zuzuhören. Er stand direkt vor dem Eingang der Shopping Meile. Und er spielte ein schwarzes Akkordeon, das sich wie eine Orgel anhörte.
Seine Musik zog sie tief in den dunklen Abgrund mit den Moll- Tönen, umschlang sie und blies sie gleichzeitig hoch in die Luft hinauf, wo sie dann schwebend blieb. Um nicht ganz den Boden zu verlieren, hielt sie sich an einem billigen Shirt fest, das dort angeboten wurde auf dem Kleiderständer neben ihr. Pink war das Teil und sie hasste Pink.
Schon immer. Und sie konnte nichts mit klassischer Musik anfangen, das lag ihr überhaupt nicht. Nur Bach, den liebte sie innig.

Der Mann spielte also Bach und riss ihr damit ungewollt die Seele aus ihrem Hardrock gewohnten Leib, legte sie bloss und rührte sie zu Tränen. Während kauflustige Menschen sie umflossen und sie gar nicht wahrnahmen: Eine Frau mit zerzausten, roten Haaren, die ein Kleidungsstück in den Händen wrang, das sie sich kaufen würde, weil sie nicht wusste was sie gerade tat. Oder sie kaufte es, um sich der Realität bewusst zu sein, die sie gerade verloren hatte.
(Das war so wie Postkarten senden: Ich war dort, der Beweis den zuhause gebliebenen)

Am nächsten Tag würde sie zu ihrem Lieblingsmann sagen: „Diesen Mann ! Diesen Mann will ich heiraten…“
Sie sagte das in einem sehr ernsten Ton. Während sie ein zerknittertes Shirt in pink trug, das ihr nicht stand und das sie sich in einer normalen Geistesverfassung auch niemals gekauft hätte, und barfuss war. „Ich will ihn heiraten, weil er mit wenigen Tönen meine Emotionen so sehr in Aufruhr brachte, wie ich es vorher nie erlebt habe.“
(Bis vor kurzem war sie sich sicher, dass sie den Gitarristen einer Rockband aus der Schweiz heiraten würde. Was dann die zweite Ehe mit einem Gitarristen wäre. Weil dieser ihre Gefühle während eines Konzertes ähnlich berührte)
Sie war sich an diesem, heutigen, Morgen sicher, dass sie ihre Liebe zu einem Strassenmusiker aus der Ukraine entdeckt hatte, der sein Instrument derart virtuos spielt, dass man sich sicher ist: Das Nirvana ist irdisch und es spielt Bach auf einem Akkordeon.
Ähnlichkeiten in der frei erfundenen Geschichte mit Mme Lila sind ungewollt und purer Zufall. Wenn die Story grammatikalische Fehler und Mängel aufweist, dann nur, weil Schreiberin durch die Musik eines gewissen Zoreslav Kravchuk abgelenkt ist, während sie Buchstaben eintippt.
Und wer jetzt behauptet, dass das TShirt, das sie trägt, pinkfarben ist, der lügt.
Es ist höchstens etwas lilafarben.

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3 Gedanken zu “Das Nirvana auf Erden ist lila

  1. Das wird der Tüp sein, der hier immer Toccata und Fuge d-moll spielt. Auf dem Akkordeon, und zwar ganz hervorragend. Vielleicht ist ihm Bern zu langweilig geworden. Oder der Altersdurchschnitt zu niedrig. – Ansonsten … ich sach nix. Naja, ausser vielleicht, ich mag Pink auch nicht. Die ist mir zu ordinär. Dabei könnte die auch anders, ich weiss das.

    P.S.: Die meisten Menschen, die behaupten, sie hassten klassische Musik, hassen genaugenommen lediglich den Moment, an dem sie feststellen, dass sie mit den Gedanken ganz woanders hingelangt sind, dass ihr Hirn – wer weiss wie lange schon – quasi einen Spaziergang mit ihnen gemacht hat, irgendwohin, in eine dunkle oder helle Ecke des Selbst, und sie dabei ganz die Kontrolle verloren haben. (Kontrollverlust ist ja etwas ganz schlimmes …) Aber eben das ist ja das Wesen von Musik, nicht nur von klassischer, und man fragt sich, was Musik sonst überhaupt sein solle.

  2. Wie schön, ich bin nicht die einzige. Mein Interesse für das Schaufenster des Babyfachgeschäfts tendiert normalerweise gegen Null. Normalerweise. Aber eben. (Hand)Orgeln haben da eine höchst irritierende Funktion.

  3. Ich meine, dass die Rothaarige mit dem pinkfarbenen Hemd nicht gleich heiraten müsste, um sich durch die Musik des Ukrainers beglücken zu lassen. So bleibt ihr auch die Möglichkeit, sich morgen – mit anderer seelischer Verfassung – wieder durch einen Hardrocker zum Kontrollverlust verführen zu lassen.
    Der Ukrainer würde noch nicht mal das Gefühl haben, Sie sei ihm untreu.

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