Befindlichkeiten, Fühlen, Leben, Schreiben

Der Blumenstrauss

Den Erzählungen meiner Grossmutter zufolge, war ich eine freundliche Traumtänzerin als Kind, die selten zwischen Dein und Mein unterschied.
Was Mein war, war gewissermassen auch das ‚meins‘ der anderen. Genauso verhielt es sich mit dem Eigentum der anderen.

Speziell am Muttertag plünderte ich die Blumengärten, um meiner Mutter den grössten Blumenstrauss schenken zu können, den sie je gehabt hat. Man muss sich vorstellen, dass mein Schulweg über 4 Kilometer durch ein Dorf führte und an Blumenwiesen entlang. Während des Jahres pflückte ich von den Wiesen, was eben da wuchs. Meine Mutter freute sich immer darüber, stellte die Blumen in eine Vase (egal wie zerzaust der Strauss war und wie zerdrückt, weil ich den in Strauss auch als Waffe zur Abwehr gegen Wespen einsetzte….Ich hasse Wespen ! Aber das ist eine andere Geschichte) und liess sie so lange stehen, bis auch die hinterletzte Blume geknickt das zeitliche gesegnet hatte.

Da meine Mutter während des ganzen Sommerhalbjahres in den Genuss von wilden Muttertagssträussen kam, war es für mich nicht mehr als Pflicht, ihr am richtigen Muttertag einen etwas luxuriöseren Blumenstrauss zu schenken. Gekaufte Blumen mochte sie nicht besonders.
Also zog ich am Abend vor Muttertag nach dem Eindunkeln nochmals los, um andere Gärten um ein paar Blümchen leichter zu machen. Ich kannte die schönsten und ertragreichsten Gärten vom Schulweg her, also war ich als Räuberin schnell und doch gewinnbringend unterwegs. Ich stahl und klaute und raubte mich durch das ganze Dorf. Der Garten des Zahnarztes litt am meisten unter mir. Was mich nicht im geringsten störte. (Ausgerechnet dieser aber war es, der mich eines Nachts erwischte.Aber auch das, wie die Story mit den Wespen, ist eine andere und bleibt vorerst in meiner Gedankenschublade drin)

Meine Mutter zeigte mir ihre Freude über den Strauss. Immer. Und sie gab mir mit keinem Wort oder Blick zu verstehen, dass sie genau wusste, woher die Blumen kamen. Vielleicht hatte das mit einer boshaften Schadenfreude zu tun: Sie mochte den Zahnarzt genau so wenig wie ich.

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5 Gedanken zu “Der Blumenstrauss

  1. wahrscheinlich hatte der lauter scharfe bohrblumen im garten, der zahnarzt- und hat dich nach der entdeckung in seinem garten gefoltert?
    gruß von sonia

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