Fühlen, Leben, Schreiben

Sommerliebe und Wassermond

Wir waren atemlos und wir waren nackt als wir in den See sprangen.
Der Mond warf ein kitschiges Licht auf die Oberfläche des Wassers. Rund um den See waren Berge, die sich als harte Kulisse gegen den Nachthimmel abzeichneten. Tagsüber waren wir an der Sonne gelegen. Wir spielten Frisbee und wir rauchten zu viele Zigaretten, deren Stummel wir in leere Cola Büchsen warfen. Wir waren verliebt, oder hatten uns entliebt und schworen, uns nie wieder zu verlieben. Jemand von uns war immer grad besonders glücklich. Und jemand anderes war es grad besonders nicht.

Ich kann mich erinnern, dass ich in M. verliebt war und er in mich. Was nicht selbstverständlich war, weil ich mich kurz vorher von einem Menschen getrennt hatte, von dem ich sicher war, dass ich mit ihm zusammen alt und grau werden würde.

In diesem Augenblick, als wir durch das dunkle Wasser schwammen und M. mich an meinem Fuss festhielt, damit er mich küssen konnte, war ich sicher, dass ich mit ihm alt werden würde.

Wir waren zu acht oder zu zehnt. Je nachdem. Ich glaube es war der letzte Sommer, an dem wir alle noch richtige Freunde waren und meine beste Schulfreundin noch kein Problem mit Drogen hatte. Keiner von uns ahnte, dass sie ein paar Jahre später daran sterben würde.

Nahe am See war unser Dorf: Zwei Schulhäuser. Ein Kloster. Zwei Kirchen. Ein Bahnhof. Den See und keine einzige Lichtsingnalanlage an der Strasse. Der Vater von M. war Oberrichter und er mochte die Rolling Stones. Ich liebte diesen Song damals. Und ich war sicher: Die Welt ist eine pochende, liebenswerte Kugel die uns Menschen eträgt, wie die Wiese die Schafherde auf sich grasen lässt.
Ich fuhr Fahrrad, es war der letzte Sommer, an dem ich richtig Fahrrad fuhr. Im nächsten Sommer sollte ich ein Motorrad haben. M. würde noch immer in meinem Leben sein und Teil der Wohngemeinschaft, die wir zusammen in der Stadt aufbauten.

E. würde noch Leben sein, aber die Ahnung, dass ihr Weg ein gefährlicher ist, wäre da. An genau jenem Abend, es muss Vollmond gewesen sein (ganz bestimmt) , war die Welt noch heil und ganz und einfach kitschig sommerig schön.

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Ein Gedanke zu “Sommerliebe und Wassermond

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