Fühlen, Leben, Schreiben

Der jüdische Junge und das Orchester

Er sitzt mir gegenüber in seinem dunkelblauen Morgenrock.Ich habe ihn nie anders als so gesehen, weiss nicht, wie er in Strassenkleidern aussieht. Womöglich würde ich ihn nicht erkennen. Diesen Morgenrock aber trägt er mit soviel Würde, das man den Eindruck hat, er trüge einen Samstagabendanzug und wäre bereit für ein Galadinner.
Seine Augen sind von einem dunklen Braun. Wenn er mit mir spricht, scheinen sie von innen zu leuchten, während das rechte Auge die fokusierte Mitte verliert und in den Raum flieht.
So, als wäre die Konzentration auf nur ein Bild nicht genug, als gäbe es soviel mehr zu sehen: Mit dem einen Auge betrachtet er mich. Mit dem anderen schaut er auf die Bücher hinter mir.
Er liebt Bücher und er sammelt Kunstgegenstände, deren Wert ich nicht erfassen kann.

-Wollen Sie einen Kaffee ?

Das fragt er jedes Mal aufs neue. Obwohl ich stets auf seine Frage hin den Kopf schüttle:

-Leider. Nein. Ich habe keine Zeit….

Heute schüttelt er den Kopf, steht morgenrockig auf und schaltet die kleine Kaffeemaschine ein:
-Keine Zeit keine Zeit….Sie sehen heute etwas bleich aus. Doch doch ! Ich mache Ihnen jetzt einen Kaffee.

Während ich kontrolliere, ob er die Medikamente eingenommen hat (ich tue das dezent aber gewissenhaft) und gleichzeitig die Injektion vorbereite, stellt er meine Tasse auf den Tisch.
-Habe ich Ihnen schon erzählt von der Feier im Capitol,damals ?

Er ist Jude. Und seine Geschichten sind so spannend, dass ich Stunden bei ihm verweilen könnte. Zuhörend.
Dann sagt er:
„Das Capitol, das war früher schon ein Kino.Und wenn Anlässe stattfanden,  fanden sie oft dort statt.Ich war 13 oder 14 und meine Freunde waren älter als ich. Als sie erzählten, dass sie am Sonntagnachmittag an eine spezielle Vorführung gehen wollten, quengelte ich so lange, bis sie mich mitnahmen dorthin. Der Saal war wirklich gross und es waren unglaublich viele Menschen darin, ein paar wurden sogar weggewiesen, das konnte ich sehen. Ein Orchester spielte links von der Bühne. Die Stimmung war fröhlich, aber auch angespannt. Ich hatte keine Ahnung was passieren würde, also wartete ich mit den anderen. Plötzlich ging der grosse Vorhang auf und die Musiker spielten die deutsche Nationalhymne, stellen Sie sich vor: Wie aus heiterem Himmel schnellten alle Hände hoch und zum Gruss riefen sie : „Heil ! Heil ! Heil !“ Ich war mitten drin, der jüdische Junge, der sich fragte, wo er da bloss wieder hin geraten ist.
Sie spielten die Hymne noch ein paar Mal, während weiter euphorisch gegrüsst wurde. Dann spielten sie den Film vom Einmarsch in Polen. Ich habe nur den Anfang gesehen. Als der Saal dunkel wurde floh ich.Dann kamen…“

Ich lächle, setze die Spritze und er erzählt mir das Ende dieser Geschichte .
Während er erzählt, trinkt er Kaffee.
Es war meiner.

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Ein Gedanke zu “Der jüdische Junge und das Orchester

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