Befindlichkeiten, Denken, Fühlen, Leben

Zwei Welten

Wenn ich sie jeweils morgens sehe, ist ihr Gesicht genauso nackt, wie ihre Träume es wohl sind. Nackt und ausgeträumt. Ihr Lippenstift wurde im Lauf der Nacht weggeküsst von Männern, die sie Schatzi nennt, damit sie sich ihre Namen nicht merken muss. Sie trägt morgens auf dem Heimweg einen Sweater, der ihr über die dünnen Schultern hängt und Leggins. Ihre Haare sind lang, schwarz und ihr Teint der einer Südamerikanerin. Sie ist eine Schönheit, obwohl sie auf der Seite der Verlierer steht. In der Reihe der Loser, die von der Gesellschaft mit Missachtung bestraft wird. Oder sie spielt eine Rolle im Vokabular der Männer, die die Kontrolle verlieren und Frauen herablassend Schlampe oder Nutte nennen. Obwohl sie, oder ihre Freunde, jener Frau gerne Geld dafür geben, dass sie ihr den Lippenstift wegküssen dürfen.

Sie schnippt ihre Zigarette in einem hohen Bogen auf die sorgfältig gestutzte Rasenfläche vor dem Haus, dann öffnet sie die Türe. Manchmal betreten wir gemeinsam das Haus. Sie wohnt da und ich habe eine Patientin hier, die ich sporadisch besuche. Wir lächeln einander für die Sequenz eines Wimpernschlages lang zu. Sie müde und ich wach und interessiert.
Auf ihrem Balkon hängt ein Windspiel aus Muscheln und Hölzern. In den Balkonkisten wachsen Geranien.

Im Erdgeschoss des Hauses wohnt er mit seiner Frau. Sie nennt ihn manchmal Karl, manchmal Marcel und manchmal versucht sie ihn zu schlagen, weil sie ihn nicht erkennt und sich von ihm bedroht fühlt. Marcel ist ihr gemeinsamer Sohn. Der Mann wäscht seine Frau, wenn sie es zulässt, putzt ihr Abends die Zähne und zieht ihr das Pijama an. Er bereitet ihr jeden Morgen ihr Müesli zu, ohne Rosinen, weil sie die nicht mag. Er erzählt mir, dass sie wegläuft, wenn er die Türe nicht mit dem Schlüssel schliesst und dass er sie keine Sekunde alleine lassen kann. Müde sei er, kraftlos und überfordert.

Ich habe seine Frau geduscht und ihr die Haare gewaschen. Sie ist nett und gesprächig, auch weil  sie keinen Bezug zur jetzigen Realität hat, erzählt sie mir Geschichten von früher.
Sie war eine schöne Frau, ich habe ihr Foto auf dem Nachttisch ihres Mannes gesehen.
Anschliessend trinken wir gemeinam einen Kaffee, der Mann und ich. Obwohl ich im Grunde unter Zeitdruck stehe und der nächste Patient an einem anderen Ende der Stadt schon wartet, bleibe ich. Ich höre ihm zu, während er immer wieder aufsteht, um seine Frau zu holen. Sie hat die Kaffeemaschiene eingeschaltet, die Kühlschranktür geöffnet, im Bad die Dusche voll aufgedreht und versucht, die Bücher aus dem Regal zu räumen. Innerhalb von 10 Minuten.
Auf ihrem Balkon wachsen keine Geranien: Er musste die Balkontüre verriegeln und geht nie raus, es wäre zu gefährlich für seine Frau.

Pic bei ihr geliehen

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2 Gedanken zu “Zwei Welten

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