Fühlen, Leben

Die Liebe einer Frau

Wenn sie liebt, tut sie es mit der Intensität einer Flamme, die längst zum Buschfeuer wurde. Sie liebt so intensiv, als gäbe es kein Morgen. Ihr Liebhaber ist die Projektionsfläche all ihrer unerfüllten Wünsche, ihrer sinnlichen Lust und ihren postpubertären Träume. Sie stülpt sich die filigrane Seele nach Aussen und trägt sie wie ein wunderschönes Kleid. 
Wenn sie liebt, tut sie das alles und noch viel mehr: Sie streut Samen um das steinige, zurückhaltende Feld des Mannes, pflegt die Pflanzen und lässt sie blühen. Und wenn es so lange regnet, dass die Blumen zu ertrinken drohen, flüstert sie die Sonne hervor.

‚Kind‘, sagt ihre Mutter manchmal, ‚ du opferst dich auf für deine Männer. Du bist nicht mehr DU selbst, wenn du liebst.‘
‚Ich bin,‘ antwortet sie dann ‚ nur lebendig wenn ich liebe.‘

Manchmal kommt es vor, dass sie ihre Liebe in grossen Taschen vor sich hin trägt und niemand diese haben will.
‚Sie ist fordernd und eine Belastung,‘ sagen die einen.
‚Sie ist eine Klette !‘ Sagen andere, die mit ihr schliefen und die das Bett des Kurzzeitliebhabers nicht mehr verlassen wollte, am nächsten Tag.
Zuweilen gibt es unschöne Szenen, die mit einer Flut von Tränen nicht etwa ihr Ende finden, sondern erst der Anfang des Dramas sind: Sie denkt sich Orte aus, an denen sie sich umbringen will. (Die Art des Suizid wechselt .Jede erdenkliche Möglichkeit schmückt sie fantasievoll aus, bis zum bitteren Ende.)
Sie schreibt Mails, bittet und bettelt um Zuwendung. Ruft den Lover an. Schreibt sms und lässt sich selber Rosensträusse vom Blumenhändler in ihr Büro liefern, die sie mit Marc unterschreibt. Oder Stefan.

‚Ich will sterben‘, sagt sie dann.
Und, eine Woche später: ‚Ich habe mich verliebt !‘

Ihre kümmerliche Flamme lodert wieder auf, geht in einen mörderischen Flächenbrand über und umschlingt den neuen Mann mit soviel Leidenschaft, dass er am Ende röchelnd nach Luft schreien wird.

Kürzlich traf ich sie in der Stadt. Ich erkannte sie kaum wieder: Sie trug Stiletos, einen Minirock, bauchfrei und roch nach einem sündhaft teurem Parfum. („Das hat ER mir geschenkt. ER reist viel herum beruflich und bringt mir Parfums mit. ER ist so klug und so sexy.“

Es liegt im Bereich des möglichen, dass sie in einem Monat ihre Haare mit Henna färbt, bequeme Kleider aus Hanf oder Baumwolle trägt und einem langhaarigen Hippie in einen Ashram nach Indien folgen will.

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3 Gedanken zu “Die Liebe einer Frau

  1. Deinen Blog zu lesen, ist wie durch ein Schlüsselloch gucken – so spannend und eine innere Stimme ruft: Mehr, mehr … bitte mehr ….

    ich glaube, ich bin süchtig.

    ♥ Manu

  2. Ulla schreibt:

    … oh ja, diese Frau kommt mir bekannt vor.

    Ein sehr, sehr schöner Text … der mich nachdenklich macht.

    Besonders gefällt mir „die filigrane Seele“ und „die großen Taschen voll Liebe“ die sie vor sich herträgt …. den Samen, den sie streut ….
    Nein, ich wiederhole nun nicht alle deine Worte …. obwohl sie mir – wie immer – alle ins Herz fallen …*lächel*

    Grüße zu dir

    schickt

    Ulla

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