Befindlichkeiten, Fühlen, Lachen

Giggelen

Es ist so, als würde ein Knoten platzen. Einer, der ganz fest zusammengezogen wurde und der an einer Körperstelle drückt, die ganz unangenehm ist. Beispielsweise in den Schuhen. So wie ein Kieselstein in einem Schuh: Man zieht den Schuh aus und stellt erleichtert fest, dass sich alles wunderbar anfühlt, wenn der Stein aus dem Schuh geschüttelt wurde.

Genauso verhielt es sich immer mit dem Kichern. In der Schweiz nennt man es Giggelen und nur schon das laute Aussprechen des Wortes verhält sich so, wie das plüschige Fell kleiner Katzen:Man muss  die Hand in das warme Fell vergraben, um sich wohl zu fühlen. Mit dem Giggelen ist es so: Wenn man es ausspricht, muss man Lachen. Das geht nicht anders.

Das Giggelen funktioniert am Besten zu zweit. In der Stille eines Klassenraumes, wenn der Lehrer eine Gleichung an der Wandtafel erklärt und man konzentriert zuhören müsste. Oder in der dritten Mädchenreihe, oh ja, während einer Messe. Wenn man, so wie  in unserem Dorf damals, gezwungen war, diese zu besuchen.
Das Kichern entstand aus wichtigen Gründen: Man sah sich die Freundin an und fand diese lustig. Das genügte. Dann ging es los. Der böse Blick des Lehrers wirkte einladend und steigerte das Lachen hinter vorgehaltener Hand aus unerklärlichen Gründen. Ausgesprochene Drohungen wurden überhört. Das Giggelen entwickelte eine Eigendynamik wie eine rollende Kugel: Meist kicherte irgendwann die halbe Schulklasse und keiner wusste warum.

Man hatte Tränen in den Augen und am nächsten Tag tat einem der Bauch weh. So muss das sein. Und man kann es niemand kontrollieren: Wenn es einen trifft, dann ist es wie ein Virus, der um sich greift.

Befreiend war es allemal. Wie der Knoten, der sich löst. Oder der Kieselstein im Schuh, der entfernt wird.
Da nimmt man auch in Kauf, dass man des Kicherns wegen Strafaufgaben in der Schule bekommt. Zum Beispiel die Landeshymne, was für eine Katastrophe, 10 Mal schreiben.

Glücklich, wer heute noch grundlos einfach loskichern kann.

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6 Gedanken zu “Giggelen

  1. oh ja – lachanfall oder giggelen ist ein ziemlich schlimmes übel. ich hatte mal so einen bei ner aufführung des clown pic an unserer schule…
    durfte als belohnung, ich und noch ein mitschüler, an nem samstag alle fenster in der schule putzen :))
    sowas vergisst man nie wieder…

  2. Sofasophia schreibt:

    vor allem das grundlosen vom giggele ist es, dass das giggele so kostbar macht … in einer welt, wo alles „sinn machen“ muss … danke für dieses plädoyer!

  3. Sofasophia schreibt:

    vor allem das grundlose vom giggele ist es, dass das giggele so kostbar macht … in einer welt, wo alles „sinn machen“ muss … danke für dieses plädoyer!

  4. In Süddeutschland nennen wir es gaggern, aber wir meinen dasselbe: Vor allem als Teenager kannte ich diesen Zustand, in dem es kein Halten gibt, bis die Backen weh tun, die Augen hervorquellen, das Make-up zerfließt und man aussah wie ein Uhu. Die Umgebung reagierte meist unempfänglich und an Strafarbeiten erinnere ich mich in diesem Zusammenhang auch. Jetzt, wo ich längst keine mehr zu befürchten hätte, ist mir das Gaggern abhanden gekommen, so unbeherrscht wie damals ist das schon lange nicht mehr. Heute lache ich nur noch zu laut. 😉

  5. Ulla schreibt:

    …. hab schon beim Lesen das breite Grinsen im Gesicht, denn zu gut erinere ich mich an meine unbremsbaren Lachanfälle.

    Meine Mama sagte dann immer, dass ich „meine dollen 5 Minuten“ hätte … *lach*

    Grüße an dich und alle Lautlacher – ich gehöre dazu.

    Ulla

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