Befindlichkeiten, Fühlen

Lass los

„Lass los. Du kannst nicht alles festhalten, was dir gefällt.“

Wir waren am Meer. Dieses Meer kannte ich nicht. Es war ein Meer voller Klippen, mit Leuchtürmen und vielen Muscheln, die von der Flut gebracht wurden. Die Einheimischen sammelten sie in Kesseln.

Ganze Familien waren dabei beteiligt: Vom Opa zum Enkelkind. Letzteres in Gummistiefeln . Sie sammelten um sie zu essen.
Ich sammelte auch. Allerdings nur die leeren, verlassenen Häuser. Sie rochen nach Salz und der Himmel sah aus, als hätte ihn jemand geschüttelt, bevor er zum trocknen aufgehängt wird.
Die Geschwindigkeit dort ist eine andere. Sie wird vom Wasser bestimmt, von der Flut und dem Wetter.
Ich stand stundenlang auf der Klippe, ganz oben wo es mir schwindlig wird (immer.) und beobachtete die fernen Punkte am Horizont, die Schiffe waren: Wohin fahren sie und warum nehmen sie mich nicht mit ?

Das waren die Momente, die mit vielen ahhhh und ohhh gefüllt waren. Wenn ich dort oben stehen bleibe, mit dem Meer unter mir, werde ich irgendwann zu Stein.Dachte ich.  Momente, die sich in der kleinen eigenen Welt festbrennen wie ein Tattoo, das man auf der Haut trägt. Das eine ist für andere sichtbar, das andere nicht.

Jetzt stecke ich zwischen Umzugskisten fest. Habe die Hälfte meines Lebens weggeworfen. Ballast. Verworrener Kleinkram. Erinnerungen, geliebte.

Da steht aber auch dieses Einmachglas: Es ist mit diesem Meerwasser gefüllt, mit Muscheln und Sand. Ich habe es von dort mitgenommen und irgendwann vergessen.
Jetzt steht es auf dem Küchentisch.
Ich sollte es wegwerfen. Weil man nicht alles festhalten kann. Aber jedes Mal, wenn ich es in den Händen halte, wiegt es schwer wie ein Versprechen, dass ich wieder dort hin fahre.
Irgendwann.

Wegwerfen oder nicht ?
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7 Gedanken zu “Lass los

  1. Wenn das Glas dich so eindringlich darum bittet, mitgenommen zu werden, dann tu ihm den Gefallen! Solange es dich dazu bringt, an etwas Schönes zu denken, ist es doch auch zu etwas nütze.

    Findet
    Anhora

  2. Ich frage mich gerade, ob nicht das Mitnehmen von Einweckgläsern (ohne oder insbesondere mit solchem Inhalt) an Flughäfen möglicherweise ziemlich fragende Gesichter hervorrufen könnte. Wobei, was die dort alles sehen* … es wird einfach ein polizeyliches Grundprinzip sein: wundern ja, aber keine Fragen!

    * letztens holte am Checkin vor mir eine Frau vier grosse Flaschen Haushaltsreiniger aus dem Handgepäck und stopfte diese in den Koffer, den sie aufgeben wollte (der Koffer hatte die Grösse eines Kleinwagens)

  3. heimlifeiss schreibt:

    unnnbedingt behalten…
    ich habe dieses umzugschaos auch grad hinter mir…
    und ich habe mich auch von ganz vielen sachen getrennt – teilweise sehr schweren herzens… aber es muss ja nicht immer alles sein… 🙂

  4. Ulla schreibt:

    …. das kann ich fast gar überhaupt nicht …. mit dem Loslassen solcher Wichtigkeiten – und dabei gerade erst wiedergefundenen – habe ich immer ein Problem.

    Das kann dann in richtigen Trennungsschmerz ausarten.

    Mein Hortungstrieb von Schätzen ist sehr ausgeprägt.
    Ich darf nicht an meinen Umzug denken …. Himmel hilf.

    Nicht wegwerfen … ein wenig muss man festhalten.

    Ulla schickt Grüße

  5. Sofasophia schreibt:

    schöner text … ein glas voller geschichten …
    du wirst spüren, ob du es mitnehmen sollst …
    vielleicht stecken ja noch mehr geschichten darin?

    doppelbödiges loslassen aber auch … so schwer, leichter zu werden an dingen … 😉
    machs gut!

    liebgrüss, sofasophia

  6. …ich muss zugeben, dass das Glas noch immer in der alten Villa liegt.
    Zusammen mit einem Besen, mit dem ich noch die Zimmer wischen sollte, und ein bisschen Kleinkram.

    Das Glas spricht nicht mit mir.
    Egal. Ich hole es morgen. Und finde eine Platz in Villa Kunterbunt dafür.

    Morgen.

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