Befindlichkeiten, Fühlen

Zuhause ist überall

Als ich klein war, kleiner als jetzt, hatte ich unzählige Wohnsitze.
Orte eben, die ich mir als Oasen auserkoren habe, um mir dort meine Gesichten auszudenken.
Die Fähigkeit, mich in angespannten Situationen von der Wirklichkeit zu entfernen und in meine erdachte Traumwelt abzutauchen, habe ich in die Wiege gelegt bekommen.
Was gezwungenermassen oft auf Unverständnis stiess:
Sehr oft hatten Lehrer für diese Methode, die inneren Flügel auszubreiten und einfach wegzufliegen, wenig bis
kein Verständnis. Ich glaube, auf diese Art habe ich den ganzen ersten und zweiten Weltkrieg als Schulstoff verpasst: Ich weiss noch heute nicht, wann der zweite Krieg begann und wann
er wirklich aufhörte.

Ähnlich ging es mir in Geometrie und Algebra: Keine Ahnung von der Berechnung eines Trapez. a und b = c ? Schon möglich. Mir egal.
Stattdessen war ich Prinzessin. Hexe. Kobold und Prinz in einer einzigen Rolle. Ich erfüllte sie alle und sie mich.
Egal ob dies nun im gefüllten Schulzimmer war, oder im Wald unter meiner Lieblingstanne (die so ausladende Äste hatte, dass sie mir sogar während des Regens Schutz bot.), oder in meinem Kinderzimmer.

In Laufe meiner Lebens zog ich ein paar Mal um und ordnete mein Leben neu.  


Die letzten 14 Jahre allerdings lebte ich in Villa Lila. Diesem alten, verwunschenen Haus, das ich nun allzu gerne verlassen habe. (Wenn man nur noch die unartigen Charakterzüge eines Menschen sieht und nicht mehr sein wirkliches Potential, sein Herz, spürt, dass sollte man sich trennen. Nicht wahr ? So ist es auch mit dem Wohnsitz)

Ich bin überall zu hause. Glaube ich. Und dieses neue zu hause greift langsam nach mir. Zaghaft. Die neuen Geräusche, die anfangs verunsicherten nachts (der Esel in der Koppel nebenan. Die Traktoren und Harleys, die an der neuen Villa Kunterbunt vorbei fahren. Der alte, bärtige Mann, der abends seine Milchkessel in die Käserei gegenüber abliefert. Die Kirche nebenan, die regelmässig die Uhrzeit schlägt) , werden zur entspannten Gewohnheit.

Im Garten wächst Sanddorn. Ein Holunder ist trächtig gefüllt mit Beeren. Auf dem alten Baumstrunk, der stehen gelassen wurde, hat die Vormieterin einen Kobold stehen lassen.
Weiter hinten im Gebüsch ist eine Feuerstelle. Ich habe schon meinen Lieblingsplatz gefunden.

Ich vermisse nichts. Villa Lila auch nicht.

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6 Gedanken zu “Zuhause ist überall

      • nicht?

        ja nei was is’en des für nen Holderbuch der sich nich selbst zu Köstlichkeiten geworden in den Keller einlagert?

        dann werde ich eine Einlagerungsplanung erstellen und in die Villa Kunterbunt senden 🙂

  1. Holunder ist was feines….deswegen schätzte ich meine EX-Schwiegermutter so, da gabs Gläserweise das leckere Zeug und vollkommen ohne Anstrengung, Genuß pur…
    Hats denn in der neuen Villa auch eine Ofenbank? Auch wenn ich hier mit meiner alten Dame nicht mehr so ungebunden bin in der neuen Heimat, so hab ich manchmal noch eine Sehnsucht nach hohen Bergen, einem Glas Roten, Schoki und lauter Musik…

    • Es hat in der neuen Villa wieder eine Ofenbank.
      (Kannst du dir Lila ohne eine Ofenbank vorstellen ?! Eben 🙂 )

      Nur die Berge kannst du nicht mehr sehen. Dafür den alten Esel, die Geissen und die Käserei nebenan.

      Der Platz ist noch immer für dich frei.

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