Befindlichkeiten, Fühlen

Der alte Mann

Ich kann mich gut an seine Hände erinnern. Die steckten in gestrickten Handschuhen, fadenscheinig geworden im Lauf der Zeit, die vorne offen waren. Seine Finger waren schmutzig, schwarz, bis unter die Fingenägel. Sie hatten Risse in der Haut. Auf seinem Kopf trug er eine ebenfalls gestrickte Mütze. Tief über die Ohren gezogen.
Wer, fragte ich mich, strickt einem alten Mann Handschuhe und Mütze ?
Wen er mir die warme Tüte aus einer gerollten Zeitung in die Hand drückte, war ich der glücklichste Mensch auf Erden. Da war ich mir sicher.

Der Alte stand in seiner kleinen Hütte aus Holz, die kaum Platz bot um sich darin drehen zu können, neben dem Bahnhof.
Neben ihm standen Jutesäcke mit den Kastanien drin, die er in einer Gusspfanne über dem Feuer briet.
„Marrrroni !“ Schrie er den Lauten zu. „Heiiiiiise Marronniii!“

Der Herbst begann für mich immer dann, wenn mein Opa mit mir in die Stadt fuhr und mir ebendiese Marroni kaufte. Heiss in meinen Händen. Und wenn sie dann geschält waren, endlich auch heiss und süss im Mund.

„Was macht der Marronimann im Sommer ?“ Fragte ich.
„Er lebt von den Kastanien, die er im Winter verkauft.“ Antwortete mein Grossvater.
„Wo?“
„In Sizilien. Wo es warm ist.“

Ich habe mal auf meinem Globus nachgesehen, wo Sizilien liegt. Dort wachsen Orangen und Mandeln. Sagte man mir.
Fortan war ich sicher, dass der Marronimann im Sommer einfach ein Orangenmann ist.

Irgendwann im Herbst stand in seiner Hütte ein anderer Mann. Ein viel jüngerer. Der genauso gebrochen Deutsch sprach wie sein Vorgänger.
Das ist sein Sohn ! Da war ich mir sicher. Und er, der Vater, ist jetzt in Sizilien und pflegt Kastanien- und Orangenbäume…

Inzwischen hat die Stadt ein halbes Dutzend solcher Marronihütten.
Ich liebe sie noch immer.

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4 Gedanken zu “Der alte Mann

  1. Sofasophia schreibt:

    bin neulich, in bern, zwischen maronimann und eistütenverkäuferin durchspaziert – und habe beiden widerstanden. verrückter altweibersommer! 🙂

    für mich bedeutet der erste maronikauf des jahres immer: jetzt darf der herbst zu mir kommen. darum zögere ich ihn immer möglichst lange heraus …
    🙂

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