Befindlichkeiten, Fühlen

Von der Buntheit der Menschen

Es gibt mehr als einen Grund, warum ich meinen Beruf liebe und vor allem die Art, wie ich ihn ausübe. 

Diese Momente, wenn ich durch meine Lieblingsstadt fahre, den See sehen kann und die Sonne, die sich über den Berg schiebt. Lautlos die Stadt mit goldenen Strahlen wachküsst.
Unterwegs zu Menschen, die für mich oft neu sind, die ich nie bisher gesehen habe. Hineinfalle in ihr ganz intimes, privates Leben.

Weil ich nie genau weiss, was mich erwartet: Ist es eine verwahrloste Wohnung mit einem sozial randständigen Menschen oder dem Professor für Philosphie, der mit mir über Nietzsches Menschenhass debattiert, während ich seinen Verband erneuere ?
Oder ist es diese Frau, die mir unbedingt ein Buch von Thomas Mann mitgibt,(„Sie haben das noch nie gelesen ? Tun sie es. Und sie werden die Welt mit anderen Augen sehen!“), während sie mir erzählt wie es sich anfühlt, über dreissig Stunden hilflos auf dem Boden zu liegen? Und auf Hilfe zu warten.
Ist es wegen der Architektin, die während ihres Studiums die einzige Frau unter Männern war und die ein halbes Jahr ohne Geld durch die Welt reiste, um ihre eigenen Grenzen auszuloten ?
Diejenige, die mir heute sagte: „Glauben Sie an die Wiedergeburt ? Nein ? Schade, ich bin sicher, dass wir uns kennen….Von damals, wissen sie ?“
Oder wegen des jungen Mannes, der nach einem Unfall Tetraplegiker ist und wunderschöne Bilder malt, nur mit seinem Mund ? Der jetzt ein Stipendium bekommen hat, um eine Kunsthochschule zu besuchen.
(Wohl kaum einer hat diese Chance so verdient wie er.)

Ich glaube, es ist die Summe all derer Menschen, die mich täglich in ihr Leben lassen.

Die in mir dieses warme Gefühl wecken, das sich nicht wegatmen lässt, während den durchschnittlich dreissig Minuten, die ich bei ihnen verbringe.
Und mir einen warmen Tee hinstellen, „Pfefferminz. Den mögen sie doch…“, für den ich eigentlich keine Zeit habe (der nächste Patient wartet) , damit meine klammen Hände warm werden.
Während ich neben dem Fenster sitze, neben dieser Pflanze, mit der die Patientin täglich spricht. Weil sie niemand anderes zum reden hat.
Dass sie eine Jüdin ist, die tatsächlich in einem KZ aufwuchs, hat sie mir mal erzählt. Während ich den Tee trank, dem sie immer kaltes Wasser zufügt, damit ich den schneller trinken kann.
„Der nächste Patient wartet…Ich weiss…“, sagt sie dann.

Es sind diese Menschen, die diese Stadt ausmachen. Die ihr diese bunte Farbe geben, die man mit den Augen nicht sieht, die man fühlt.
Niemand sieht ihnen ihre Herkunft an, weil sie ihre Geschichten schweigend mittragen, wenn sie in den Supermarkt gehen um einzukaufen oder im Bistro nebenan ihren Kaffee trinken.

Es ist die Summe all dieser Dinge, die mich meinen Beruf trotz Hektik lieben lassen.

„Irgendwo trägt ein Stern ihren Namen, wussten Sie das ?“
Sagte der Mann heute, der in klaren Nächten mit seinem Fernrohr nach Galaxien sucht, die noch niemand entdeckt hat.

Ich weiss nicht, ob er mich anlügt. Es ist auch egal. Weil sein Gedanke mir gefällt.
Und weil jeder Mensch es wert ist, dass man ihm zuhört und ihn einfach nimmt, wie er sich gibt.

 

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17 Gedanken zu “Von der Buntheit der Menschen

  1. wie toll, dass du als bereicherung nimmst, was für viele in diesem beruf ein einziges jammern und klagen ist…diesen zeiteinhaltungszwang find ich schlimm. hat aber vielleicht auch sein gutes, dass man in so manche kaum aushaltbaren lebensgeschichten nicht allzu tief eintauchen muss…
    gruß von sonja

    • Ja. Ich rutschte wirklich ganz tief in das intime Leben der Menschen ein. Meistens kann ich die Lebensgschichten abends gut abschütteln.

      Der Zeitdruck erwächst aus den steigenden Gesundheitskosten, die immer knapper berechnet werden.

    • Nun. Ich vermute, du könntest dich ‚dort‘ auch ganz gut ausleben.
      Womit ich Mühe hätte, wäre ein Wechsel zurück ins KH.
      Ich glaube, ich würde mich eingesperrt fühlen….

      Täglich ca 3 Stunden on the road haben was gutes 🙂

  2. Hat der Professor wirklich „Menschenhass“ gesagt? Man sollte ihm seine Professur entziehen. 14.Zeile

    P.S.: Warum lässt Thomas Mann seinen Zauberberg ausgerechnet im Engadin (nicht etwa in Davos) spielen?

    • >>Zarathustra antwortete: „Ich liebe die Menschen.“<<

      Ich kann mich nicht erinnern, ob er Menschenhasser sagte. Oder ob ich interpretiere.
      Trotz allem ein kluger Mann, der das Gegenteil eines Misantrophen ist.

      Sie hat mir nicht den Zauberberg gegeben.
      Das ginge noch.
      Sie gab mir die Buddenbroks. In Lübeck war ich noch nie.

      Momentan auch gar keine Lust darauf. Schertenleib und seine Signora sind schuld.

      • Buddenbrooks ist bei weitem einfacher zu lesen als der Zauberberg. Ehrlich. Vor allem ohne philosophisches und theologisches Vorwissen. Aber vielleicht gerade darum sehr lesenswert. Eins kann ich ja schon verraten: am Ende sind alle mause. Ausser die Doofen. Aber das ist ja irgendwie immer so.

        • Da ist es wieder, nach deinem posting, die Unlust, über diese hanseatische Familie zu lesen.

          Dieses Buch will nicht, es rutscht mir immer wieder aus den Händen.

          Lieber den homo faber, den ich vor 20 Jahren mal las, hervor nehmen ?
          Oder doch, wieder, was zeitgenösisches ? (das fehlt ein ’s‘. Wo nur ?)

          • Nee, homo faber, örks, das hab ich seinerzeit nicht kapiert. Mir war das zu … Da kommt mehrfach ein Herr O. vor. Da muss man dann wissen, dass das O im griechischen Alphabet der letzte Buchstabe ist, es heisst dort nur leider Omega, ist aber ein O, und dass mit dem Herrn O. also der Tod gemeint ist. Liegt ja auch auf der Hand. Ich bin übrigens der Herr M., also nur noch zwei vor O., und zwar schon seit Geburt. Mir ist schon ganz schlecht.

            Sie sind vielleicht kafkaaffin. Ich kann den nicht leiden, ist also ein Pluspunkt.

            • Mösiö. Sie sind wunderbar.
              (Sie sammeln Punkte bei mir. Cumulus. Verstehen Sie ?)

              Das mit den Büchern ist so eine Sache, eine menschliche Sache. Jeder mag was anderes.
              Oder hätten Sie gedacht, dass die 3 ??? meinem Leben den Schwung in die richtige Richtung gab und dass Hesse schuld daran ist, dass ich mich von meinem Freund trennte ?

              Sehen Sie.
              Kafka ist…Nun ja. Schloss und der Käferroman.
              Mehr kenne ich nicht.
              Frisch ist genial. Homo faber packt nicht.

              Was lesen Sie gerade ?

  3. Also auch bei euch in der Schweiz Kostendruck und Zeitnot…was mich auch hier immer maßlos ärgert. Warum muß soziale arbeit immer in geld gemessen werden frage ich mich dann, wo es doch um Menschen und Wohlgefühl geht. Und ich dann froh bin, meine alte Schwiegermutter nicht dem Zeit und Kostendruck aussetzen zu müssen, auch wenn es mich doch stark fordert. Und es für mich doch leichter ist, als es für meine Mutter tun müssen. Der Abstand mir hilft ihre Depression und Verzweiflung über den Verfall zu ertragen, aber auch klar ist, dass ich nach ihr nicht mehr den Beruf ausüben möchte und meine Hochachtung vor allen wächst, die den Job machen.
    Und Thomas Mann ist mir noch nicht durchs Bücherregal gelaufen, die Verfilmungen haben mir gereicht *zwinker*…
    Nietzsche ist ein hartes Stück Brot…was habe ich während des Studiums auf ihm herum gekaut….nein, er ist nicht unverdaulich oder menschenfeindlich, aber leicht misanthrop ist er doch…und ich möchte ihn auch nicht so schnell wieder lesen….
    Wünsche dir eine schöne bunte Woche!
    morgiane

    • Menschen lassen sich nicht an Geld messen.
      Trotzdem wird es gemacht.
      Denke mal an das Rentensystem, das eine Quelle ist, die wohl bald versiegt, wenn nicht konstruktive, mutige, Änderungen vonstatten gehen.

      Dass du für deine Schwiegermutter da bist, ich weiss was das an Aufwand bedeutet, ist nicht nur eine Last. Sondern auch eine Bereicherung für beide.
      Dankt dir der Staat dafür, dass du Zeit aufwendest ?

      Nietzsche ?
      Ich komme nicht klar mit ihm. Wenn ich ihn lese, ähnelt das dem kleinen Kind, das eine Murmel aus einem Loch klauben will….Und es doch nicht schafft.

      • Mutige Reformen hier in Deutschland? Nein, daran glaube ich nicht….
        Und der Staat dankt mir nicht, dass ich sie betreue, aber mein Mann (Lebenspartner?) und sie freut sich diebisch mich beim Mensch-ärgere-dich-nicht zu besiegen, da sind viele kleine „dankes“ die sie mir gibt…und auch die sind in Geld nicht zu messen.
        Und laß die Murmel ruhig im Loch, man kann auch ohne Nietzsche das Leben leben und genießen…

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