Befindlichkeiten, Fühlen

Sie -(und ich)-

-Willst du mit mir tanzen ?

Diese Frage war meistens an Sie gerichtet.
Es war Samstagabend oder Sonntagnachmittag. Schülerdisco. Ich sass immer neben dem DJ, mit dem ich über Musik, neue LPs oder anstehende Konzerte sprach.
Wir trugen enge Jeans, die wir nur schliessen konnten, weil jede von uns eine Freundin hatte, die dabei half. Ich war blond, sie schwarz. Ansonsten glichen wir uns wie Zwillinge:

Unsere Haare waren aufgebläht, zerzaust als würden Vögel darin Nester bauen, und kostete uns gemeinsam eine Flasche Haarspray pro Abend. Die Frisur hielt bombenfest.
Sogar beim  knutschen draussen vor der Disco, wenn es drinnen zu heiss wurde.

Ich trug Turnschuhe, Sie bevorzugte Schuhe mit Absätzen. Aber das war es nicht, was ausschlaggebend war, dass sie mehr zum Tanzen aufgefordert wurde als ich:
Während mein Blick anderen Menschen damals schüchtern auswich, hielt sie den Blicken provokativ stand. Lächelnd. Sie tanzte ausgelassen und immer so, als wären wir zuhause
in meinem Mädchenzimmer und alleine vor dem Spiegel.

Wir rauchten unsere ersten Zigaretten zusammen. Auf dem Heimweg von der Schule. Und etwas später kifften wir : Sie wusste, wie das Papier um den Tabak zu rollen war, damit man

es rauchen konnte. Ich hatte keine Ahnung und erbrach (wie schon mal erzählt) in den Abfalleimer der Schule. Während sie mir die Haare hielt und von einem Lachanfall geschüttelt wurde.

Wir trugen nicht nur ähnliche Kleider, wir tauschten auch, da wir die gleiche Grösse hatten, unsere Klamotten. Die Mütter wussten nie, welche Jeans wem gehörte und wir selber auch nicht.

Sie wohnte im Haus nebenan. Wenn ihre Mutter Depressionen hatte, schloss sie sich tagelang in ihrem Schlafzimmer ein, liess die Rollos runter und jeder im Quartier wusste, was los war.
Sie fürchtete sich von den schwarzen Vögel, die in regelmässigen Abständen kamen und ihre Mutter ins Bett zwangen.
Während diesen Zeiten zog sie noch mehr um die Häuser, hielt sich an keine Regeln mehr, weil es niemanden gab, der sie dazu zwang.
Meine Regeln waren klar: Abendessen um 19 Uhr, danach Schulaufgaben machen.(Ich nicht. Schule war nicht dazu da, dass man abends noch lernte)

Wir beschlossen, dass wir zusammen alt werden.Das wir ‚immer und ewig‘ Freundinnen sind, die über alles reden können. Dass kein Mann sich zwischen uns drängen kann.
Wir schworen, machten Blutsschwesternschaft und glaubten daran, dass man sich etwas nur intensiv genug wünschen muss, damit es wahr wird.

Vor ein paar Tagen war ich in dem Dorf, aus dem ich weggezogen bin irgendwann.
Ich denke immer wieder an Sie. Und an diesem Tag hatte ich vor, Sie mal wieder zu besuchen. Als ich mein Auto auf den Parkplatz dort abstellte, stieg ich nicht mal aus.
Die grosse Kirche dort wirkt immer so erdrückend und die Grabsteine schrecken mich ab, die so akkurat nach einem Plan aufgereiht sind. Mit den Gräbern, die aussehen als wären sie Blumenbeete in einem Garten.

Ich fuhr wieder weiter. Das entsprach nicht unserer Vorstellung damals, das wir einander auf dem Friedhof besuchen.
Unsere Idee vom irdischen Ende war eine ganz andere. Also trank ich abends wieder ein Glas Wein auf Sie:
-Cheers meine Liebe  .

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7 Gedanken zu “Sie -(und ich)-

  1. Sie starb am Leben.
    Weil sie ihr Leben so gestaltet hat, dass sie einfach daran sterben würde.
    Immer Vollgas voran, als hätte sie eine Handvoll Leben als Reserve in ihrer Tasche.

  2. Ich glaube, es war die Summe von allem. Im Endeffekt.
    Und schlussendlich denke ich mir, dass es sogar ihre eigene Entscheidung war, dem ein Ende zu setzen.

    Niemand fand es mehr wichtig, danach, dieser Frage nachzugehen. Tot ist tot. Richtig ?

    • Tot ist tot – das ist schon richtig, aber ich denke, das WIE spielt oftmals eine Rolle. auch wenn es nicht mehr rückgängig zu machen ist.
      Ich frag auch nicht mehr 😉

      Wie dem auch sei, du besuchst die ab und an noch – auch wenn die Art des Besuches nicht der ist, den ihr euch mal gewünscht hattet. So bleibt eine gewisse „Bande“ doch noch bestehen.

  3. Okay. Keine Fragen mehr :-).
    Nur noch eine Anmerkung: Es gibt immer Möglichkeiten, ein Problem und die Konsequenzen zu stoppen.

    Manchmal frage ich mich, wo ! man/jeder wegschaute, aus Gleichgültigkeit. Statt dem anderen einen Stein vor die Räder zu werfen, der eine Bremsfunktion hätte.

    Das nur so. Als Gedanke. Ich nehme den mit und kaue darauf herum 😉

    • Das Gleiche ging mir auch durch den Kopf – gerade, weil du oben geschrieben hattest „niemand fand es wichtig, danach zu fragen…“ Das gibt einem doch sehr zu denken… 😦

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