Befindlichkeiten, Fühlen

Gelebte Geschichten

Ich sitze mit übergeschlagenen Beinen auf Fauteuil, der nicht meiner ist. In dem Raum riecht es nach Büchern, unzähligen Büchern, und nach Kälte, den die Menschen von draussen mitbringen.
(Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass in meinen Händen ein aufgeschlagenes Buch ruht. Etwas später, wenn ich mich durch die ersten Seiten gelesen habe, werde ich damit an die Theke gehen und mir das Buch ausleihen. )
Ich mag diese Ruhe an dem Ort. Umgeben von Geschichten. Und ich mag die Möglichkeit dort, Menschen so zu beobachten, wie man sie sonst nur selten sieht: Echt, in sich Versunken, ruhig. Niemand scheint in Eile zu sein.  

Eine alte Dame geht mit vorsichtigen Schritten an mir vorbei, setzt einen Fuss vor den anderen, so, als wäre hier im Raum der Boden mit Glatteis überzogen, wie draussen. Ich bin sicher, sie riecht nach
Kampfer. Alte Menschen riechen häufig so. Zögernd steht sie vor dem Regal mit den Neuerscheinungen, schüttelt den Kopf und zieht weiter. Mit dem leicht gebückten Gang einer Lady, die abends ihren schmerzenden Rücken mit einer Rheumasalbe einzureiben versucht. (Geht nicht.Funktioniert einfach nicht. )

Ein Kind schreit irgendwo die Wut darüber in die Welt, dass es nicht das Buch ausleihen darf, das es gerne möchte. Der Vater will das nicht: Vielleicht schlägt er ein pädagogisch wertvolles Buch vor, über das er in einer Hitliste einer Elternzeitschrift gelesen hat.Ein Mann in einem Parka betritt den Raum, er wirkt unsichtbar in seiner Jacke in Tarnfarben. In eine Mütze und einen Schal gewickelt, die Schultern zusammengepresst. Während er vor der Bücherwand steht, bildet sich eine Lache aus geschmolzenem Schnee auf dem Boden. In seinen Händen balanciert er einen Turm aus Büchern, der stark einsturzgefährdet wankt. Er lächelt verlegen, als wirklich eines seiner Bücher den Stapel verlässt und polternd zu Boden fällt. Ich beeile mich, den Titel des Buches zu lesen, bevor er es wieder hoch hebt. Ein Wissenschaftler, da bin ich mir sicher, liest ein Buch über die Entdeckung eines neuen Gen. Oder er ist ein einsamer Lehrer, den die Schüler seiner altmodischen Art wegen nicht mögen, der ein psychologisches Buch über die Stärkung des Selbstvertrauens ausleiht. Nein ! So ist es nicht. Er ist der Buchhalter einer Firma, der nur deswegen nicht entlassen wird, weil er schon sein ganzes Leben dort verbracht hat und er liest…Anais Nin vielleicht ? Weil er einsam ist und zu feige, um endlich mit der heimlich geliebten Sekretärin gemeinsam zu Abend zu essen ? 

Das Buch, dass ihm herunter fiel, ist ein anderes. Und fast bin ich ein bisschen enttäuscht. Es ist ein Buch über die Aufzucht und Haltung von Orchideen…Die arrogantesten aller Blumen, die so sorgsam gepflegt werden, als seien es Kinder.

Ich verliere mein Interesse an ihm, als ein anderer Mann den stillen Raum betritt. Er tut es mit der vorsichtigen Art jener Menschen, die andere Menschen sorgsam wahrnehmen und trotzdem diese männliche Sicherheit ausstrahlen, in die Frau sich gerne fallen lässt.  Der den weissen Raum mit Farbe füllt, leise, auf eine ungewohnt zurückhaltende Art. Und in genau diesem Augenblick höre ich das Knacken des berstenden Eis, das meine Oberfläche zusammengefroren hatte.  ‚Mit dir‘, denke ich, ‚würde ich gerne den Sonntag im Bett verbringen‘. Mit dir Lücken füllen. Dinge besprechen, für die es keine Worte gibt.
Ins Nirgendwo fliehen, das wir zusammen erfinden.
In diesem Moment steht er direkt vor mir und sagt: „Hey!“ Dabei lächelt er, als gäbe es etwas zu gewinnen.
Ich lächle zurück.Hätte ich diesen Mann nicht schon eine ganze Weile geliebt, würde ich mich sofort in ihn verlieben.

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4 Gedanken zu “Gelebte Geschichten

    • Die Neuerscheinungen sind im Erdgeschoss.
      Für die anderen Bücher muss eine steile Treppe erklommen werden.

      Vielleicht sollte sich die alte Dame doch, arthrosegeschädigt, den neuen Büchern zuwenden.

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