Schreiben

Wie Oma zu den Topflappen kam

Meine Grossmutter war eine grosse, schlanke Frau und ich liebte sie mit dem kindlichen Eifer, der sie in meinen Augen zu etwas ganz besonderem machte.   
Sie verbrachte einen grossen Teil des Tages damit, Wolle zu kleinen Kunstwerken zu verstricken: Ich hatte damals mehr selbstgestricktes in meinem Schrank als
jede andere meiner Schule. Und sie war imstande, gleichzeitig zu lesen. Während sie strickte, Nadel um Nadel zielsicher ans Ziel, verschlang sie Bücher.
Wie andere einen Teller Pasta.

Als ich in der Oberstufe war, schämte ich mich der Pullover, die ich trug. Sie waren zwar schön, aber eben handgemacht. Da ich die Oma nicht enttäuschen wollte,
zog ich mich auf dem Schulweg um. Dazu stopfte ich zuhause einen Pullover aus dem Supermarkt in die Schultasche und zog diesen über.
Von der Prinzessin aus Wolle zur Sweaterkönigin.

Ihrer Begabung wegen schätzte sie selbstgemachte Geschenke am allermeisten. Und so kam sie zu ihren Topflappen:
Ich muss acht oder neun gewesen sein, als wir in der Handarbeitsschule das Häkeln lernten. Nachdem die ungeliebte, bösartige (das war sie wirklich, wer sie kannte weiss,
dass ich nicht lüge) Lehrerin uns ungeduldig die ersten Schritte im Häkeleinmaleins beigebracht hatte, wurden wir aufgefordert, Topflappen zu häkeln.
Verhasste Reihe um Reihe. In rot. Oder gelb. Ich war die letzte, die damit fertig war. Weil sie mit meiner Arbeit unzufrieden war und diese immer wieder auftrennte.
Ich weinte nicht während der Stunde. Sondern danach, auf dem Schulhof.

Zuhause schlug ich die beiden Lappen in ein altes Geschenkpapier ein und versteckte sie unter dem Bett.
Ein Weihnachtsgeschenk für meine geliebte Oma sollte es werden. Die Wochen bis dahin verstrich zäh. Immer wieder forderte ich sie auf, zu erraten, was
sie von mir bekommt. Sie hat es nicht erraten.

Sie freute sich so über meine gehäkelte Kunst,die wirr verpackt unter dem Weihnachtsbaum lag, als hätte sie im Lotto gewonnen. Oder eine Reise ans Meer bekommen. (Sie liebte das Meer.)
Ihr eine Freude damit zu machen, war mir also gelungen.
Zu erwähnen ist noch, dass sie diese, mit der Zeit fadenscheinig und unbrauchbar geworden, Zeit ihre verbliebenen Lebens benutzte.
Als sie starb und die Wohnung aufgelöst wurde, warf ich die roten Undinger in den Abfall.

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5 Gedanken zu “Wie Oma zu den Topflappen kam

  1. Jaja, na hier bin ich ja richtich! – Man schenke mal seiner Gattin (oder anderen) ein paar Topflappen! Nur mal probieren. Dabei können die durchaus selbstgeklöppelt sein. Das zählt in der Situation einfach einen Schiisdräck, behaupte ich. – Ich sach immer, das einzige, was man aus Wolle machen kann, sind Schafe.

    • Herr T.M. ich würd mich um Sie winden vor Verzückung und Sie würden wissen dass Wolle nicht nur dazu ist um daraus Schafe zu machen
      gern freu ich mich auf ein paar Topflappen von Ihnen unter meinem Weihnachtsbaum
      selbstgeklöppelt natürlich von Ihnen in stolzer Heimarbeit
      kommen Sie mit Ihrer Frau Gemahlin gemeinsam mit Mme Lila zur Weihnachtssuppe
      dann können die Topflappen festslichst eingeweiht werden
      ach wie ich mich freue

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