Befindlichkeiten, Fühlen

Der Brief

„Möchten Sie diesen Brief lesen ?“
Die alte Dame hält mir ein weisses Papier hin, maschinengeschrieben, datiert von Weihnachten.
Liebe Liz , steht da, und am Ende des Textes: Respektvoll und in Liebe, dein (Hier schlingt sich eine Unterschrift wie eine Schlange um sich selbst. Unleserlich)

Was ich da lese, ist die Geschichte einer Liebe, die immer leise und still im Verborgenen wuchs. Er schreibt davon, dass er sich mit dem Geist Tod auseinandergesetzt hat und  jetzt auch versöhnt hat. Dass er während seiner Referate an der Uni immer wieder den Blick zur Treppe hob, weil er erwartete, dass sie die Treppe herunter steigt.
Leichtfüssig und lächelnd wie damals.
Seine Worte erzählen melancholisch, wie er sie gerne noch ein letztes Mal gesehen hätte. Nicht nur in der Erinnerung, sondern greifbar vor sich. Leider erlaube ihm sein Zustand keine Reise mehr.

Die sorgfältig getippten Buchstaben berühren mich. Sie drücken auf eine zärtliche Weise, ohne im Kitsch zu versinken, die Liebe eines Mannes am Ende seines Lebens zu seiner Geliebten aus.

„Wer ist er ?“
Frage ich. Während ihre Augen hellwach mein Gesicht lächelnd fixieren.
„Ich glaube, “ antwortet sie, “ heute würde man das eine amour fou nennen. Ich war ja verheiratet. Hatte Kinder.“

Dann zögert sie. Schiebt ihren inzwischen kalt gewordenen Tee zu den Medikamenten, die ich ihr hingestellt habe.
Schliesslich erzählt sie eine Geschichte, die ihren Anfang nahm, als sie noch eine junge Studentin war. Die sich durch ihr ganzes Leben zog. Geheimnisvoll und prickelnd.

Sie breitet die Liebe aus wie einen Teppich:“Es gab keine Katastrophe. Aber wir bekamen auch nichts geschenkt. Wir haben uns an die Hand genommen und uns das ganze Leben nicht losgelassen.“

Ich schweige. Dann entschliesse ich mich doch zu fragen: „Werden Sie ihm zurück schreiben ?“

Sie denkt nach. Während ihr Blick zum Fenster geht: Die Stadt liegt da unten, mit den schneebedeckten Dächern.

„Würden Sie den Brief, wenn ich ihn geschrieben habe, mit zur Post nehmen, wenn Sie das nächste Mal auf Visite hier sind ?“ Fragt sie zurück.

Ich nicke. Natürlich mache ich das. Wir sind jetzt zwei Verschwörer, sie und ich.
Als ihr Mann die Treppe herunter kommt, hat sie den Brief längst unter das Kissen des Stuhles geschoben.

Und ich mache mich auf zu einem nächsten Patienten. Auf eine unbestimmte Weise habe ich Schmetterlinge im Bauch und der Schnee in der Stadt weicht blühenden Rosen.

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4 Gedanken zu “Der Brief

  1. Manchmal denkt man, alte Menschen sind eben alte Menschen und sonst nichts. Dabei haben sie mehr und oft dieselben Geschichten wie jüngere. Nur die Blickwinkel sind anders, und das ist das Spannende daran.

    Um richtig oder falsch geht es ja nicht in dieser Herzensgeschichte, sondern um die Begleitung in ihrem Leben, die sich im Hintergrund hielt und dennoch für ein paar extra Herzschläge sorgte. Ich würde dem Herrn auf jeden Fall zurückschreiben. 🙂

  2. Sofasophia schreibt:

    du öffnest mir das herz für ältere menschen. seit du öfters mal über deine klientInnen schreibst, sehe ich mir ältere leute ganz anders an.
    dafür bin ich sehr froh. und dankbar für diese kleinen grossen geschichten, die du in worte kleidest und immer wieder mit uns teilst.
    herzlich, d.

  3. Ulla schreibt:

    „blue moments“ … ein Geschenk, wenn sie Lebensbegleiter sind –

    … natürlich, ganz sicher … würde ich ihm schreiben.

    Ulla

  4. Was für eine wunderbare Geschichte!
    Mir fällt der Film ein „Sommer vorm Balkon“ – wenn Du ihn nicht kennst: Anschauen- dann spürst Du, wieso mir der einfällt….
    Meine Schwester arbeitete eine zeitlang beim Neurologen und liebte die dortigen alten Patientinnen über alles…
    Gruß von Sonja

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