Befindlichkeiten, Fühlen

Warum Mütter weinen

Manchmal kann ich sie weinen sehen. Sie tut das nicht laut und schluchzend, sondern leise. Ihre Schultern beben ein bisschen, das kann man sehen, als würde sie eine schwere Last nach unten drücken, während sie Gegendruck nach oben gibt.
Sie zieht zwischendurch traurig die Nase hoch, schniefend, und schneuzt sich leise in ein Taschentuch, das sie immer für solche Fälle in der Tasche hat.
Ob sie hübsch ist ?
Nun, ich kann mir vorstellen, dass sie ansprechend aussieht. Wenn mal ihr Gesicht und ihre Augen trocken sind und nicht mehr so gerötet vom Weinen. Sie weint Ozeane aus ihren Augen und 
würde  damit ganze Geschichten weg fluten. (Nach ihren Heulkrämpfen  hat sie immer grossen Durst. Würde sie nicht trinken, würde innerlich vertrocknen. Da ist sie sich sicher.)

Sie hat mindestens hundert Kinder. Wer selber Kinder hat, auch in kleinerer Zahl, weiss, dass dabei der Kummer oder die Sorgen um sie die Tränen aufwecken. Manche schlucken sie runter, die bitteren Tränen. Nicht sie. Oh nein, sie weiss um die Kraft ihrer Tränen, die heilend sind.
Für jedes ihrer Kinder hat sie ein grosses Herz in ihrer Brust. Mindestens hundert Herzen also.  Das muss man sich mal vorstellen ! Hundert Mal das pochende Wummern von 80 gesunden Schlägen in der Minute.

Wenn einem ihrer Kinder Schaden zugefügt wird, entsteht ein Riss in einem der Herzen. Einem Steingefälle ähnlich, brechen dann Brocken davon herunter. Sie ist sich jeweils sicher, dass
man das bis ans Ende des Tals,  bis hinein in die grosse Stadt, hören kann. So laut ist das.
Nach dem ersten Schrecken, das sie buchstäblich zur Säule erstarren lässt, fängt sie an zu weinen. Zuerst kullern zaghaft ein paar schüchterne Tränen über ihre Wangen, dann fliessen immer mehr davon aus ihr heraus.
Das Weinen stört sie nicht. Im Gegenteil: Sie braucht die Tränen um das zerknitterte und angebrochene Herz des Kindes zu flicken.
Aus diesem Grund sammelt sie die salzigen Tränen, fügt sie zusammen und streicht mit ihren nunmehr nassen Händen sanft über das Herz. Immer wieder. Tränen fliessen lassen, sie auffangen, sammeln, mit den Händen streicheln. Das Herz. Bis es wieder ganz und heil ist.

Natürlich dauert das lange, aber das stört sie nicht. Sie hat Zeit.

Und manchmal fällt eine Träne zu Boden. Verliert sich.
Passend wäre es, wenn ich jetzt erzählen könnte, dass dort im nächsten Jahr Rosen wuchsen.Da wo die Träne verloren ging.  Tränenrosen oder so.
Das wäre aber eine Lüge.

Und Lügen erzähle ich keine.

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2 Gedanken zu “Warum Mütter weinen

  1. Sofasophia schreibt:

    aber metaphern kannst du ganz wunderbar erzählen.
    so einen text kann wohl nur eine selbst-auch-mutter schreiben
    lg, d.

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