Befindlichkeiten, Fühlen

Ganz ganz oben

(Wovor hast du Angst ?)
(Was würdest du niemals jemandem erzählen ?)     

Das Meer lag blaublau unter mir. Ich stand barfuss auf einem Felsvorsprung, auf einem Bein balancierend, mich mit beiden Händen an die warmen Steine klammernd. Die Sonne brannte auf meine Schultern und mein Verstand hatte mich gerade verlassen.

Ich hatte Angst.

Wir waren zu viert gestartet. 3 Freunde und ich. Die Felswand schien uns ideal um daran hoch zu klettern.

(Was würdest du niemals ungern jemandem erzählen ?)

(Ich leide unter Höhenangst. Alles was höher als ein Taburettli ist, lässt mich innerlich hysterisch zittern und atemlos zurück.)

Dort war ich also gelandet. Auf nur einem Bein an einer verfluchten Felswand klebend, die ich niemals lebend würde verlassen können. Da war ich mir sicher. Unter mir ein Medizinstundent, den ich abends zuvor an einem Feuer am Strand kennen gelernt hatte.  Und schon fast oben angekommen meine Sommerliebe und sein Kumpel.
Ich schob mich, um himmels willen nicht runter schauen, niemals!, Stein um Stein hoch. Einen Fuss vor den anderen setzend. Vor Angst still geworden. Unbeeindruckt von der Aussicht, die wohl nirgends so unberührt schön war wie dort.
So lange, bis ich nicht mehr imstande war, mich zu bewegen. Ende. Ich würde sterben, da war ich mich sicher, an dieser verflixten Felswand. Auf nur einem Fuss stehend: Irgendwann würde ich den kleinen Schritt rückwärts machen, mich fallen lassen. Um auf einem sonnenwarmen Felsen im Meer zu zerbersten.
Vielleicht hätte ich in diesem Moment gebetet, hätte ich an einen Gott oder eine Macht geglaubt.
So blieb ich still.

Bis ich die Hand des Studenten spürte, der zu mir aufgeschlossen hatte. Er umfasste meinen Fuss. Ich solle, sagte er leise genug dass ich es hören konnte, tief einatmen und das tun, was er mir sagen würde.
„Vertraust du mir ?“ Fragte er.
„Nein!“
„Schau. Du hast keine Wahl, so wie es aussieht, musst du mir vertrauen.“

Schritt für Schritt ging er knapp vor mir. Prüfte Steine auf ihre Verankerung, Nischen auf ihre Tauglichkeit. Und diktierte mir jede Bewegung, die ich vollziehen musste. Nahm meine Hand, wenn sie sich verzweifelt um einen Vorsprung krallte. Machte mir Mut mit Worten, die ich nie vergessen habe.
Irgendwann waren wir oben angekommen. Beide völlig verschwitzt. Ich mit getrockneten Tränen, die Salzspuren auf den Wangen hinterlassen hatten.

Als ich aufgehört hatte wie im Fieber zu zittern, sagte er: „Du bist wundervoll. DU hast es geschafft !“

Das ist eine Ewigkeit her. Ich erinnere mich trotzdem an die winzigen Details. An ganz vieles.
Ganz besonders prägend war, dass ich etwas geschafft habe, was mir unmöglich schien.

Seither weiss ich: Wenn die Angst um irgendwas im Leben besonders gross ist, denke ich an den Felsen in Frankreich.
Weil ich den schaffte, schaffe ich beinahe alles.

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Ein Gedanke zu “Ganz ganz oben

  1. Sofasophia schreibt:

    nicht nur eine sehr berührende und ermutigende geschichte, auch eine wunderbar erzählte lebenserfahrung. wir alle haben wohl irgendwo in uns drin so fels-erfahrungen, sonst hätten wir aufgegeben. es sind genau diese geschichten, die uns das leben so intensiv, so bunt, so lebendig leben lassen, wie wir es tun.

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