Befindlichkeiten, Fühlen

Verrückt normal ?

Die Agenda, die er mir in die Hand drückt, ist eine grosse, wie Ärzte sie verwendet haben, bevor sie ihre Patientendaten auf Computer erfassten.
Darauf golden geprägt die Jahreszahl 1975 auf dem Einband aus blauem Leder.
Er deutet mir an, dass ich darin blättern soll. Ich tue es ungern, es kommt mir vor, als würde ich einem unbekannten Menschen dabei zusehen, wie er/sie etwas intimes macht.

Im Januar dieses Jahres sind viele Namen, schön geordnet, mit Kugelschreiber schön korrekt eingetragen.
K. Müller 09.30 (Einweisung evt).
L. Ammann  (neu)
S. Blatter (Medis erhöhen. Tel. mit Amtsarzt)

Sie war Ärztin mit dem Fachgebiet Psychiatrie. Das lese ich aus ihren Einträgen. Er bestätigt mir das. In der Wohnung hängen Fotos von ihr. Eine schöne. dunkelhaarige Frau mit einem sehr kurzen

Kleid, die dem Fotografen zuwinkt. Ihr Bild ist überall zu sehen. So, als hätte ihr Mann Angst, dass sie in Vergessenheit gerät, wenn er ihre Fotos aus der Wohnung entfernt.
Sie war mitte Dreissig, als sie starb.

Im Februar wurde ihre Schrift unregelmässiger. So, als hätte sie in Eile gekritzelt und sich nicht die Zeit genommen, schöne Abstände zwischen den Namen zu machen.
Im März kamen die roten Skizzen dazu. Unregelmässige Striche. Wütende Blitze. Termine purzelten durcheinander und wurden weniger.
Im April kritzelte sie Fratzen in die Agenda, die ab Mai seitenfüllend und obszön bösartig waren.
Hässliche Zeichen eines Geistes, der weit ab von  der Normalität war.
Ab Juli dann folgten Aufforderungen, die sie an sich selbst schrieb und ein Dutzend Mal unterstrich: Lisa unterbringen !!! Jemand für Lisa suchen !!!

Die Tage waren so verstört mit roten Bildern vermalt, dass ich keine Lust hatte, mich genauer damit zu befassen.
Ich blätterte rasch die Wochen durch. Bis ich im Oktober auf weisse, leere und anonyme Blätter stiess.
So, als hätte sie einfach aufgehört ihr Buch zu führen.

Von einem Tag auf den anderen.

Ich frage nicht was geschehen ist, als ich wortlos die Agenda zurück gebe. Er ist bereit es zu erzählen. Und die Geschichte ist eine von denen, die ich mir nicht aussuche. Weil sie mit soviel Schmerz, Wut und Trauer verbunden ist, dass ich anschliessend Lust auf eine Zigarette habe.
Blöd ist, dass ich nicht mehr rauche.

pic by -killingclipart

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4 Gedanken zu “Verrückt normal ?

  1. es ist anrührend, davon zu lesen….jederzeit und in jedem moment kann unglaubliches passieren. das vergessen wir zu oft. aber man kann auch nicht permanent auf der lauer liegen und in hab-acht-stellung sein. es ist das reinste buch hier…und es wirkt nach, was dieser frau geschah…
    gruß von sonja

    • Es macht betroffen, finde ich. Und immer wieder in so Extremsituationen frage ich mich: Hat man sowas nicht kommen sehen ?
      Wo schauen die Leute, ganz nahe Angehörige zB, denn hin ?

      Ich denke noch eine Weile darüber nach. Still.

  2. Sofasophia schreibt:

    ooooh …
    mehr kann ich nicht sagen. bin sprachlos.
    und staune, wie du die worte findest, diese geschichte so zu erzählen.
    liebe grüsse, d.

    • Danke !
      Die Worte sind da. Die Geschichten auch.
      Die Kunst ist einzig, dass man die Zeit findet abends, um den Kopf davon frei zu schütteln und die Buchstaben in die schöne, verstehende Reihenfolge zu bringen.

      (Sie sind wie verrückte Kinder. Diese Buchstaben und müssen eingefangen werden 🙂 )

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