Befindlichkeiten, Schreiben

Die Lüge

Gestern morgen um 8 Uhr in der schönsten Stadt der Welt.
Der Mann, ein zerzauster mit schwarzen Haaren, läuft hektisch aus einem Haus. Sein Handy drückt er an das linke Ohr,in der rechten Hand balanciert er einen Autoschlüssel, der leise klimpert.
Wir stossen beinahe zusammen, während eine Frau im zweiten Stock den Vorhang zur Seite schiebt. Ihre Hand winkt. Er sieht es nicht.
Laut hörbar spricht er in sein Handy: „Süsse. Ich bin eben in Zürich gelandet. Werde wohl doch später als vermutet bei dir sein.“ Er entschuldigt sich, hört der Stimme am anderen Ende der Leitung zu, dann erwidert er, dass er sie ebenso liebe.

Mir tut die Frau leid. Die, die da oben ins Nichts zum Abschied winkt. Und die , die sich grad anlügen liess: Luzern ist nicht Zürich. Überhaupt nicht.

Die andere hat vielleicht nichts gespürt, gar nichts, dass ihr Mann sich von ihr abwendet. Dass er abends immer später heim kam, sie wärmte die Nudeln für ihn  die sie alleine mit den Kindern gegessen hatte, zeigte ihr, wie ehrgeizig er war. Die Karriereleiter ganz hoch wollte er, für seine Familie. Ein eigenes Haus war geplant. Da kam man nicht umhin, zu sparen, Überzeiten zu machen und auch Samstags im Geschäft anwesend zu sein. In letzter Zeit hatte er viele Termine im Ausland. Er vertröstete sie damit, dass er, wenn er wieder zuhause ist, sich ganz viel Zeit für sie und die Kinder nehmen würde.
Wenn er abends heim kam, war sie müde. Die Kinder waren anstrengend. Trotzdem achtete sie darauf, dass das Haus sauber war und sie selber frische Kleider anzog abends. Er mochte die bequemen Leggins nicht, die sie tagsüber trug. (Die Kinder machten soviel schmutzig !) Sie hatten nicht mehr viel Sex in letzter Zeit. Am Anfang, als sie sich kennen lernten, da konnten sie nie die Finger voneinander lassen. Sie liebten sich überall, auch an Orten, die dafür im Grunde nicht geeignet waren. Aber das geht vorbei, nicht wahr ? Schliesslich hat man Familie und eine Verantwortung.

Wenn sie so zurück dachte, redeten sie wohl auch nicht mehr viel zusammen. Sie machten auch nicht mehr viel gemeinsam: „Die Kinder. Weisst du ? Der Babysitter kann während der Woche nicht, ausserdem kostet das doch soviel Geld. Wir können doch zu hause Pizza essen. Und uns einen Film im TV ansehen ..?“ War sie es, die anfing ihn auf Distanz zu halten ?
Sie hatte ihre Freundinnen und den Job im Supermarkt, jeden zweiten Samstag. Anfangs hatte er während dieser Zeit die Kinder gehütet. Jetzt seit einer Weile nicht mehr: Ihre Mutter hatte das übernommen. Die Oma, die Gute.

Heute abend würde er aus dem Ausland zurück kommen. Sie würde ihren Rock anziehen, den kurzen, den er so mochte. Vielleicht schliefen sie heute Abend mal wieder miteinander ?

Die andere, die noch immer oben am Fenster stand und noch nach ihm roch, winkte kurz. Dann schloss sie die Vorhänge und nahm ihr Handy mit ins Bad. Vielleicht würde er bald wieder eine sms schreiben, sie wollte bereit sein und es nicht verpassen. Sie hatten nicht viel Zeit zusammen. Aber die Zeit, die er bei ihr war, verlebten sie intensiv. Fast ausschliesslich im Bett: Er war so ausgehungert, seine Frau war eine ganz prüde und etwas frigide .Wie er ihr erzählte, war sie schon immer etwas eigen, was ihre gemeinsame Sexualität betraf. Voller Komplexe uns Ängste.
Natürlich würde er sich scheiden lassen, sobald das jüngste Kind in den Kindergarten käme. Das hatte er ihr mal gesagt, nachdem sie im Kerzenlicht zu Abend gegessen hatte und sie ihn schüchtern darauf hin ansprach, wie es weiter gehen würde.

Als sie geduscht hatte, zog sie sich an um zur Arbeit zu fahren. Bisher kam keine sms von ihm herein. Nun, er hatte wohl keine Zeit bis jetzt. Er hatte versprochen, dass er diesen oder den nächsten Samstag zu ihr kam. Vorher ging nicht. Um ihn nicht zu verpassen, hielt sie sich beide Samstage frei. Wohin sollte sie auch ohne ihn ?

 

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3 Gedanken zu “Die Lüge

  1. schön geschrieben
    für mich persönlich zu sehr klischiert (gibt es dieses wort?)

    mir passierte ähnliches (witzigerweise luzern), als mann.

    wie sähe die geschichte umgekehrt aus ? wie handhaben frauen es für gewöhnlich, wenn sie mehrere haben ?

    wollte damals, nach heissen telefongesprächen, aus denen klar hervorging wie sie mich vermisse, einen kleinen überraschungsbesuch tätigen . . . . . eigenartig wenn du dann VOR der wohnungstür begrüsst wirst, und erfährst, dass sie zu müde . . oder war es was anderes . . sei ???
    hatte damals den mum nicht, die schränke zu inspizieren, nachdem sie mich fünf minuten später doch noch reinliess. brrrkalteschultern und einseitiges umarmen ist ätzend.

    die unehrlichkeit/falschheit schmerzte mehr als der verlust der partnerin.

    weist du was ?
    freu mich auf heute abend.
    weshalb ?
    der gentleman schweigt und geniesst ;~)

    • Klischiert gibt es. Du hast es erfunden.

      1) Die geschilderte Situation ist wahr. Bis zu dem Punkt, an dem der Mann sein Handy in die Tasche steckte.

      2)Miteinander reden hilft, damit es nicht zur Eskalation kommt. Nicht wahr ?

      3) Geniessen ist immer gut :-).

      • 1) egal ob echt oder nicht, mal umgekehrt (halt erfunden)
        2) nur wenn die wahrheit gesprochen wird
        3) wohligganzbreitgrins

        sag immer die wahrheit aber
        die wahrheit nicht immer

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