Befindlichkeiten, Denken, Fühlen

Wie sie sich vier Mal das Leben nahm

Sie trug roten Lippenstift, der sich auf den Zähnen abgesetzt hatte und der hässliche Ränder um ihren Mund bildete. Ihre Haaren waren lang, weiss, lockig.

„Weisst du noch „, wandte sie sich ihrem Mann zu, „wie Mutter sich viermal das Leben nehmen wollte ?“
Er schmunzelte, während er den Hosenbund seiner Jeans hochzog, der ihn ein bisschen wie einen alternden Cowboy aussehen liess. Streichelte sanft ihre Hände und erwiderte:
„Dreimal. Mein Schatz. Dreimal hat sie es versucht. Beim vierten Mal erreichte sie ihr Ziel.“

„Stimmt. Du hast Recht. Das erste Mal warf sie sich einfach vor ein Auto, auf der Strasse hinter dem Haus. Uns sagte sie, dass sie einkaufen geht. Sie blieb unverletzt. Der Fahrer des Autos auch.
Wir schimpften mit ihr. Ihr Verhalten war doch einfach verantwortungslos, nicht wahr ? Was, wenn in dem Auto Kinder gewesen wären ?“

Ich nickte. Goss weiter  mit der einen Hand eine Lösung über die Wunde an ihrem Bein, während ich mit der anderen die sterile Pinzette hielt.

„Und das zweite Mal erklärte sie, dass sie müde sei und sich hinlegen wolle. Ich selber nutzte die Gelegenheit, um zu Fuss in die Stadt zu gehen. Ein paar Dinge erledigen, zu denen ich normalerweise nicht kam. Mutter forderte uns sehr ! Als ich heim kam, lag sie noch immer im Bett. Bei näherer Betrachtung aber sah ich, dass alles voll Blut war…“

Ich hielt einen Moment inne:
„Sie hat sich die Pulsadern aufgeschnitten ?“

„Ja. Mit der Gartenschere, die ziemlich stumpf war. Darum hat es wohl nicht gereicht.“

Ihr Mann goss die Blumen: Halbverdorrte Grünpflanzen, die wohl zu lange in der Sonne standen. Ein bisschen waren sie wie die beiden Alten: Vom Wetter und dem Sein runzlig geworden.

Er sah auf den See hinaus: „Ja. Und das dritte Mal ging sie in den Fluss. Dort wo die Treppe runter führt und man so schön die Schwäne füttern kann. Es war Sommer und sie eine gute Schwimmerin .
Man braucht sie nur noch raus zu pflücken, aus dem Wasser. Dort zappelte sie herum wie ein Fisch auf dem Trockenen…!“

Beide lachten. Ich auch. Wenn auch ein bisschen verhalten. Inzwischen wickelte ich eine Longette um das Bein, dann die Binde.

Die Frau seufzte. Wohl in der Erinnerung des erfolgreichen Versuchs ihrer Mutter, sich das Leben zu nehmen.

„Ende des Sommers dann sprang sie zum Fenster hinaus. Wir sassen beim Kaffee, er …“ damit deutete sie auf ihren wieder nickenden Mann, „…und ich. Wir hörten gar nichts, stellen Sie sich vor !
Bis die Leute unten schrien und die Nachbarn an unserer Türe klingelten.“

Ich war zu Ende mit meinem Auftrag. Nachdenklich schob ich meine Utensilien zusammen, der nächste Patient wartete. Wenn ich die beiden verliess, würde ich in meinem Rucksack eine Geschichte mehr tragen, die viel weniger wog, als sie den Anschein machte.
Soviele Menschen. Soviele Geschichten.

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Ein Gedanke zu “Wie sie sich vier Mal das Leben nahm

  1. kleine kinder nehmen mitunter auch kein blatt vor den mund.
    sie fabulieren, berichten, vermischen wirklichkeit mit traum-
    geschichten.
    manche alten menschen werden wieder so….nicht wahr, das bekommst du auch zu spüren. wie gut, dass daraus kein bleischwer wiegender rucksack wird…
    gruß von sonja

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