Befindlichkeiten, Fühlen, Schreiben

Von Sputkniks und von Bergen

Freitag. Irgendwo zwischen Luzern und Bern.

Die Synapsen pulsieren Signale wie verrückt, der Kopf ist leer. Ein bisschen so, als würde man auf einer Schaukel sitzen und so fest schaukeln, dass man mit den Füssen beinahe die Spitzen der Bäume berühren kann. Das Gefühl im Bauch ist dann eines, das an den Pudding in der Schüssel erinnert, der damals vor dem Fenster stand, um abzukühlen.

(Man konnte die Spuren meiner Finger immer darin sehen, wenn ich der Schokolade nicht widerstehen konnte. Weil der Pudding eine stramme Haut über der noch warmen Schokolade bildete.
Mein Finger riss Spalten hinein, oder hinterliess verräterische Löcher)

Zwischen den Bergen, die an mir vorbeizogen, und mir war nur eine Glasscheibe. Eine dieser grossen Panaoramascheiben, die einem in der Bahn eine wirklich gute Sicht versprachen.
Im Abteil hinter mir sassen zwei Frauen. Die eine hatte ein kleines Mädchen neben sich so hingelegt, dass sie während der ganzen Fahrt friedlich schlief.
Weiter vorne sass ein älterer Mann, der damit beschäftigt war, die Bergkette und die Seen mit der Beschreibung in seinem Reiseführer zu vergleichen. Er trug eine Brille, die ihm das Aussehen einer Eule gab.

Und direkt mir gegenüber sass ein Mann in meinem Alter. Jeans. Zerzauste Haare. Grüne Augen, soweit ich es sehen konnte. Er roch nach Tonkabohnen, nach Waschmittel und so nach Mann, dass ich mich auf die Berge konzentrieren musste, um ihn nicht zu küssen.
(Ist küssen in Zügen erlaubt ? Ist das Trinken und essen dort noch immer gestattet ? )
Ich war an diesem Morgen in die Bahn gestiegen. Mein Ziel war im Grunde ein unbestimmtes: Einfach so in die Berge fahren und dort aussteigen, wohin Glücksgefühl mich hin dirigiert.
Mich nicht fremd bestimmen lassen, sondern die Gestaltung meines freien Arbeitstages dem Fahrplan der Bahn überlassen.

Die Gedanken fliegen lassen, sich um nichts kümmern müssen. Da sein. Mit dem Mann flirten, dessen Stimme ebendieses Timbre hat, das meine Blutkörper so zum Sieden bringt, dass sie mit Bestimmtheit explodieren. Irgendwann.
(Ich kann diese Sputniks fühlen, die durch meinen Körper fliegen und sich im Bauch sammeln. Nein, es sind keine Schmetterlinge. Die schlafen ja noch, wir haben noch nicht wirklich Frühling.
Es sind wirklich Sputniks: Ferrarirot.)

Er sagte:
-Ich werde beim nächsten Bahnhof aussteigen.

Ich erwidere:
-Schade. Denn ich fahre bis nach Interlaken durch.

Er antwortete:
-So ein Zufall. Ich auch !

Wir steigen gemeinsam aus dem Zug aus. Er nimmt meine Hand in seine. (Oder war ich es, die seine Hand als erste nahm ? Und: Spielt das eine Rolle ?) Wir küssen uns. (Neben dem Fahrplan des alten Bahnhofs. An der Sonne) Und wir spazieren als Touristen, die wir sind, durch diesen verzauberten Ort mit den schönen Häusern. Trinken irgendwo was, draussen natürlich, erzählen uns Geschichten und sehen den Menschen zu, die vorbei spazieren.

-Wir könnten uns ein Hotelzimmer nehmen hier im Ort.
-Nun. Wir würden das Bett nicht mehr verlassen…!
-Ja. Das ist wohl so.
-Dann lass uns heim fahren und morgen verbringen wir den ganzen Tag im Bett.

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Ein Gedanke zu “Von Sputkniks und von Bergen

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