Befindlichkeiten, Fühlen, Leben

Das MamaKind

Ich war ein Mamakind.                                   

Man kann nicht beides sein. Mamakind und Papakind. Das geht nicht. Man ist nur das eine, oder das andere. Ich war das Mamakind.
Ihre Liebe zu mir bekam ich geschenkt. In einer Fülle, die nichts erwartete und aus einem Gefäss kam, das niemals weniger wurde.
Meine Mutter trug Taschen voll davon herum, mit denen sie mich überschüttete.
Ich machte wohl ihn ihren Augen alles richtig.

Nicht so bei meinem Vater: Er trug seine Liebe zu mir in einer Kiste, die mit einem Schloss versehen war. Den Schlüssel dazu trug er um den Hals.
Seine Liebe musste verdient sein. Die bekam ich nicht umsonst. Und auch dann nur soviel, wie in meinem kleine Hand passte, wenn er die Schatulle
öffnete und ich rein greifen durfte. In etwa so, wie man in ein Bonbonglas greift, ein bisschen zu schnell und hastig, weil man Angst davor hat,
dass man das Glas wieder wegnimmt. Bevor man etwas in den Händen hält.
Dann schloss er die Kiste wieder mit dieser abweisenden Zurückhaltung, die mich Trost suchend wieder an die Schürze meiner Mutter trieb.

Die Schatulle meines Vater zu öffnen, wurde zu einem Wettbewerb für mich: Ich versuchte alles mögliche. Wenn es mir gelang, seine Zuwendung zu bekommen,
machte ich genau da weiter.
Ich war 9 Jahre alt, als ich eine der besten Prüfungen der Klasse schrieb. Mathe. Das nie mein Lieblingsfach war. Als Vater heim kam, legte meine Mutter ihm die Prüfung stolz
neben den Teller. Sie hatte mich zuvor schon überschwenglich gelobt dafür. Jetzt erwartete ich seine Anerkennung.
Er schaute sich den Test an. Lange. Prüfte. Verglich. Am Ende schob er mir den Test wieder zu und sagte:
„Gut gemacht. Wirklich…“  (Schlüssel. Papa. Gib mir den Schlüssel…) „Aber: Die beste Note der Klasse war es nicht. Das nächste Mal schreibst du die beste Note !“

Meine Mutter erhob selten die Stimme, wenn sie mit ihm sprach. In diesem Moment tat sie es:
„C’est trop! Ça suffit!“ Sagte sie. Gefolgt von dem Satz, den sich so in mir einbrannte, dass ich ihn noch heute höre:
„Sie tut was sie kann. Und sie kann es nicht besser !“

Papa war damals der Meinung, dass man alles erreichen kann im Leben, wenn man es genügend will. Wenn man scheitert, hat man einfach nicht ALLES gegeben. Sonst wäre es ja gelungen.

Ich höre diesen Satz heute noch, wenn ich mich an etwas mir unbekanntem versuche: ‚Sie kann es nicht besser.‘
Das ist ziemlich mickrig, nicht wahr. Dann höre ich Papa der sagt: ‚Du kannst alles erreichen. Du musst es nur genug wollen und Geduld haben‘

Die Liebe hatte ich von beiden. Ihm und ihr. Die von meiner Mutter war überschwenglich, gross und immer umsonst und nicht an Bedingungen geknüpft.
Die von Papa war anders und ich denke heute: …„Er tat was er kann. Und er konnte  es nicht besser !“

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10 Gedanken zu “Das MamaKind

  1. „Wenn man scheitert, hat man einfach nicht ALLES gegeben. Sonst wäre es ja gelungen.“

    Dazu fällt mir spontan das Credo dieser US-Chinesin ein, die eine recht eigene Ansicht über Kindererziehung hat und darüber ein Buch schrieb. Da hast du mit deiner Mutter ja wirklich Glück gehabt!

    Amy Chua

    • Was diese Chinesin als Erziehung proklamiert, hat für mich mehr mit Dressur zu tun, als mit Förderung.

      Auch Menschen lassen sich dressieren. Aber sie zerbrechen dabei.

      • Dressur aus Liebe, Dressur mit Liebe oder Liebe trotz Dressur – man muss vielleicht ein chinesisches Gehirn haben, um das zu verstehen. Meine europäischen Kinder müssen jedenfalls selbst entscheiden, wieviel Erfolg sie haben und wieviel ihnen die daraus hervorgehende Anerkennung wert ist.

  2. Peter schreibt:

    Hallo Lila,
    wie so viele Deiner Zeilen stimmen auch diese auf so angenehme Weise nachdenklich. Danke dafür.
    Viele von uns sind wohl mit dem Streben nach Anerkennung aufgewachsen, die sie aus der eigenen Perspektive nicht im gebotenen Masse erhalten haben, mühten sich vergebens, waren enttäuscht und unzufrieden, redeten nie darüber und gaben und geben dies unbewusst so weiter: an die Kinder, an die Mitarbeiter, an die Freunde. Schon immer.
    Dabei ist das Streben nach Anerkennung eine in uns allen ruhende Eigenschaft, die wir mehr oder weniger ausleben. Häufig besonders intensiv dort, wo sie uns am meisten verwehrt wird bis hin zur Selbstaufgabe. Sie ist eine wichtige Motivation, es weiter zu versuchen, am steidenden Widerstand zu wachsen.
    Ist nun fehlende Anerkennung schlimmer ist als wertlose Anerkennung? Und haben die Mamakinder und Papakinder auch genügend und angemessen Anerkennung zurück gegeben?
    Und ob das eigentlich der Kern ist. Die von uns erwartete Anerkennung hängt von der Intensität unseres Strebens ab. Dabei kann nur die/der richtig einschätzen und anerkennen, wer unser Streben sieht; sonst wird es unglaubwürdig. Unabhängig von viel oder wenig, aufrichtiger oder oberflächlicher Anerkennung ist es aber nur das unermüdliche Streben, das uns dorthin gebracht hat, wo wir heute sind, jede(r) für sich und uns als Gesellschaft. Es geht ums Streben, nicht um Anerkennung von wem oder in welcher Form auch immer.
    P.

  3. >>Ist nun fehlende Anerkennung schlimmer ist als wertlose Anerkennung?<<

    Ich habe jetzt eine Weile über diesem Satz gebrütet. Und ich frage mich noch immer: Wo ist der Unterschied zwischen einer wertlosen und einer fehlenden Anerkennung ?

    Wert-los.

    Ist es nicht so, dass wir in unserer Entwicklungs als Menschen wirklich weit sind, wenn wir nicht mehr abhängig sind von der Anerkennung anderer ?
    Weil wir uns selber genügen ?

    —-

    Nun. Ich brüte weiter.
    Danke, P, für deine anregenden Gedanken !

  4. Peter schreibt:

    Hallo Lila,
    gerne helfe ich beim „brüten“.
    Nun, für mich ist eine wertlose (nicht „wert-los“) Anerkennung eine von Personen, denen ich ganz objektiv nicht zutraue oder zugestehe, mein Streben zu beurteilen. Solchen Personen müsste ich ja erst darlegen, was ich alles gemacht habe. Die fehlender Anerkennung ist die einer einzelnen Person, von der ich erwarte oder voraussetze, dass sie mein Streben wahrgenommen hat und im Falle eines Erfolges mir die Anerkennung gibt, mich im Falle eines Scheiterns allerdings auch auffängt und motiviert, es auf einem anderen Weg erneut zu versuchen.
    Unglücklich (für beide Seiten) ist stets die Situation, dass die eine Seite die Anerkennung wegen erfolgreichem Streben objektiv erhalten kann, die andere Seite dieses Streben aber gar nicht mitbekommen hat, also nicht anerkennen kann.

    Und deshalb finde ich Deinen Gedanken richtig, dass wir auch ohne Anerkennung streben sollten, uns selbst genügen sollten. Ich befürchte aber, dass uns das nicht zu besseren Menschen machen, sondern nur zu isolierteren. Wir brauchen doch sowohl die Anerkennung als auch die Kritik anderer, um unser Streben zu kontrollieren und zu steuern, um als Teil einer Gemeinschaft leben zu können.
    Gruss Peter

  5. Hmmm.
    Verstehe ich. Da mir als freigeistiges Wesen Abhängigkeiten ein Greuel sind, versuche ich auch nicht nach Anerkennung anderer zu streben. Um mich gut zu fühlen. Sondern dieses Wohlgefühl mir selber geben zu können.

    (Funktioniert in der Realität nicht. Wir werden immer von Menschen gemessen. Im schlimmen Fall eben auch an anderen, ‚besseren‘ Menschen. )

    Ja. Wir brauchen wohl die „Anerkennung anderer und auch die Kritik“ um wachsen zu können.
    Aber wir sollten dieses Streben nicht als oberste Priorität ansehen. Wir werden dadurch höchstens manipulierbar und verlieren die echten Ziele im Leben (Echtheit ? Liebe? …?) aus den Augen.

    *grübel* Maslowsche Bedürfnispyramide. Die Befriedigung des Geltungsdrangs und der Anerkennung kommt eher gegen Ende. Nicht ? 4 oder 5 ? (bin zu faul zum googlen)

    Wie auch immer: Danke für das Anregen meiner grauen Zellen 🙂

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