Befindlichkeiten, Leben

Der Delfin

Sie stand oben auf der Klippe, barfuss. Die Sonne brannte auf ihren Kopf : Iberische Mittagshitze. Weit unten warf die Brandung das Wasser an die Felsen. Man konnte es hören. Dort oben.
In ihrer Tasche war ein, von Meerwasser und Sand, leicht ramponiertes Buch. ‚Das Parfum‘, glaube ich mich zu erinnern.
(Sie hatte gerade ihre Hermann Hesse Phase durch und orientierte sich neu.) Eine zerknüllte Packung Zigaretten, (Fortuna. Weil die billiger waren als die herkömmlichen), Zündhölzer (Ihre grün grüne Phase, weisst du: Feuerzeuge sind schlecht für die Ökobilanz) und ein Badetuch.
Ihre Haut war braun gebrannt von den Wochen am Meer und ihre Gedanken zerzaust.

In ihrer rechten Hand war ein zerknülltes, weil immer wieder zusammengelegtes und gelesenes, Stück weisses Papier. Sie hatte diese Bestätigung, die es schliesslich war, vor einer Stunde in der Apotheke bekommen.
Embarazada stand da und ein paar andere Worte. Ihr Spanisch genügte damals nur, um eine vegetarische Paella zu bestellen und für ein paar Liebesworte an jemanden zu richten.

Sie waren zu zweit in einem klapprigen Auto hierhergefahren, das unterwegs nur durch gute Worte und viel Benzin nicht den Geist aushustete.
Wohin fahren wir ?
Egal ! Einfach ans Meer !

Passend wäre es in diesem Moment gewesen, wenn sie das zerfledderte Papier ins Meer geworfen hätte. Das sie es nicht tat, war eine Sache der Vernunft: Sie wollte sicher gehen und es abends
dem Mann zeigen, mit dem sie hergefahren war.

Sie feierten ein bisschen. Tranken Champagner, obwohl ihre Zweifel gross waren, schienen seine keine zu sein: Am Strand, beide angetrunken, fragte er sie, ob sie ihn heiraten wolle.
Ein Kind, fand er, braucht eine intakte Familie. Die nur durch eine Ehe gewährleistet ist.
(Sie war nicht seiner Meinung. Ihre rebellische, punkige Seele damals, weisst du, brach immer wieder die spiessigen Konventionen herunter)
Aber sie sagte ja zu ihm. Nicht in dieser Nacht. Aber er war beharrlich genug, um noch zweimal zu fragen.

Fortan beobachtete er die wachsende Kugel ihres Bauches wie ein Vogelkundler, der mit dem Fernglas eine seltene Spezies eines Singvogels erspäht hatte: Vorsichtig und fasziniert.
Er, so war er sich sicher, wollte das Musikstudium abbrechen und nur noch als Lehrer unterrichten, weil das ein regelmässiges Einkommen gewährleistete.
Sie war dagegen. (Sie war gegen alles damals. Das merkst du so langsam, nicht wahr ? Vor allem lehnte sie sich gegen Autoritäten, aufgezwungene Dogmen und Politiker auf. Und gegen die scheinheilige Idylle einer Reihenhausfamilie.)

Dem wachsenden Delfin in ihrem Bauch (Hast du jemals so ein Wesen in deinem Bauch gefühlt, wenn es sich bewegte ? Wie  die Flosse eines schwimmenden Delfins streicht es über deine Haut. )
schienen die Differenzen nicht zu stören: Er kam planmässig zur Welt.
Sie war verzaubert und konnte nicht aufhören, die winzigen Finger in ihre Hand zu nehmen. (Keine Sorge, ich werde nicht kitschig jetzt. Die folgenden Gedanken überlasse ich dir)

Irgendwann, versprach sie dem geborenen Delfin, würde sie ihm die Klippe zeigen, auf der sie damals stand.
Sie tat es bis heute nicht.
Und das ganze ist, präzis auf den Tag, 20 Jahre her.

(Alles Gute zum Geburtstag, mein Grosser..)

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8 Gedanken zu “Der Delfin

  1. Sofasophia schreibt:

    gänsehaut. aber nicht der gruseligen art.
    danke für diese hommage an das abenteuer frau/mutter/autorin zu sein. und natürlich an deinen sohn … 🙂

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