Befindlichkeiten, Fühlen, Leben

Kaffee ohne Milch und Zucker

Dieser Tag war nicht ihr Tag. Ganz und gar nicht.

Er fing damit an, dass sie morgens keine Milch mehr für ihren Kaffee im Kühschrank hatte . Sie hätte es da schon wissen sollen: Wenn ein Tag so anfing, konnte ihn nur den Rückzug ins Bett noch retten. Die totale Verweigerung. Genau das ging an jenem Morgen aber nicht. Also schlich sie, den Koffeinentzug bitter spürbar, ins Bad. Dort zerbrach der Kajal in ihren Händen und malte eine groteske Linie über ihre Wange, den zu säubern sie kostbare Minuten kostete, die sie deswegen später im Stau verbringen würde.
Ihr Chef erwartete sie, üblicherweise war er so früh nicht im Geschäft, und quittierte ihr zu spät kommen an diesem Morgen mit einem zynischen Blick, den er lange auf seiner Uhr am Handgelenk ruhen liess.
Alles ging schief. Natürlich war es so. Murphy hatte Recht: Wenn etwas schief gehen kann, dann tut es das. Immer.

Der Tag zog sich zäh in die Länge. Und sie war sich sicher, dass er auch die Uhr immer wieder so weit zurück stellte, dass sie doppelt so lange arbeiten musste an diesem Tag.
Mistkerl.
Auf der Heimfahrt leuchtete die Bezinanzeige ihres Autos: Wenn sie nicht morgen in aller Frühe tanken wollte, musste sie es jetzt tun. Müde, hungrig und allerschlechtester Laune bog sie
zur Tankstelle ab. Alle Zapfsäulen waren belegt.

Fünf Autos und ein Motorrad standen an den Zapfsäulen und bezogen Benzin. Sechs Männer, die sich jetzt nach ihr umdrehten, als sie ihr Auto in der zweiten Reihe (direkt hinter dem weissen Audi)
hinstellte und ausstieg. (Es war heiss an diesem Tag. Diese Tatsache ist wichtig, um zu verstehen, was da gerade im Begriff war zu passieren.)
Sechs Männer, deren Testosteron schon den ganzen Tag Turbulenzen in der Blutbahn verursachte und die eine Frau sahen, die neben einem Auto stand und ihre Haare schüttelte.
Sie war nicht hübsch, nein, nicht wirklich. Ihr Hintern war zu dick und vorne war sie zu flach, um wirklich hübsch zu sein. Aber sie war eine Frau und momentan das einzig weibliche Wesen, das für Projektionen körperlich real zur Verfügung stand.
Hossa…!

Mann verzog die Lippen zu einem Lächeln, blinzelte etwas und stand stramm wie ein Baum. Oder versuchte es zumindest.
Frau schaute verwirrt und begann, zögernd und noch misstrauisch ob der Wende des Tages doch noch zum Guten, es zu geniessen. Kokett mit den Händen die Haare nach hinten zu streichen und sich die Lippen zu befeuchten. (Wie lange war es her dass sie….ach…viel zu lange) . Und sie flirtete. Mit allen ein bisschen.
Oh….!

Dann geschah etwas, was der Situation eine absurde Wende gab, die sie nicht kommen sah: Noch ein Auto bog um die Ecke und stellte sich hinter den Motorradfahrer. Ein Cabrio. Weiss.
Genauso leuchtend wie die platinblond gefärbte Mähne der Fahrerin. Eindeutig und definitiv hübscher als sie. Schöner als all ihre Arbeitskolleginnen.
Der Feind in Blond durchbrach die zarte Linie des Flirts und zerstach die rosaroten Glücksballone unserer Protagonistin, die plötzlich alle Aufmerksamkeit verloren hatte.
Während die Fahrerin auf high heels hüftschwingend zur Kasse wackelte,ohne vorher zu tanken,  verloren sechs Männer an der Tankstelle kurzfristig ihren Verstand. Kein Wunder, das muss doch gesagt sein, bei dem Kleid, das nur gerade die kleine Falte am Po verbarg, dass das Ende ihrer Beine vollzog.

Sie hätte es wissen müssen: Ein Tag, der einem den Morgenkaffee verweigert, wird ein ganz schlimmer. Also beschloss sie, statt Milch zu kaufen, ab sofort den
Kaffee schwarz zu trinken. Und Benzin tanken würde sie auch am nächsten Tag noch können.

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3 Gedanken zu “Kaffee ohne Milch und Zucker

  1. Sie hätte auch beschliessen können, selber mal im Kleid hyftschwingend usw. Man muss natürlich Hyften haben. (Oops.)

    Es ist übrigens bei weitem (!) zu weit gedacht, sich da die Hormone bei diesen -> Männern ganztags brausend und schäumend vorzustellen, im Körper ziellos herumzügelnd, sich mal hier und mal da zu hitzigen Anhäufungen vereinend, die der Kerl nur mühsam unter Kontrolle hat. Beim Angeln beispielsweise häuft sich gar nix – OK, es sei denn, es kommt ein platinblonder Hecht im Mini vorbeigeschwommen. Aber das passiert ja nie. Und „Angeln“ ist nur ein Synonym für 99 andere Prozent des Tages.

    • Monsieur T.M.
      Ich danke Ihnen. Von Herzen. Für das Lachen beim Lesen Ihrer Antwort.
      Und ganz besonders für die Aufklärung zur hormonellen Situation des Mannes beim Fischen. Und auch sonst.

      Ich bin jetzt beruhigt und weiss: Wenn Mann hinter mir her pfeift (Nun ja. In letzter Zeit kommt das ja kaum mehr vor…Aber früher. Ich sage Ihnen: Früher…also da…!), dann gilt das nicht mir. Sondern es ist einfach ein fröhliches Pfeifen des Wetters wegen.
      Schliesslich bin ich ja nicht blond. Zumindest nicht ‚echt‘ blond. Nicht wahr ?

      Ich wünsche fröhliches Angeln ! 🙂

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