Befindlichkeiten, Fühlen

Vom Regen, der schön macht

Ich stemme meine Füsse in die Pedale: Schnell, schnell !  Rase bei gelb über die Kreuzung und biege ab, dabei  überquere ich drei Spuren, in dem ich mich zwischen den fahrenden Autos durch schlängle. Ein Tropfen knallt auf meine Beine, noch einer und dann noch einer. Regen ? Egal. Noch einmal abbiegen, dort vorne bei der Apotheke, dann sollte ich angekommen sein.
Bin ich aber nicht. Mein Blick auf das Strassenschild beweist: Ich bin hier falsch. Hier wartet niemand auf mich.

In meinem Rucksack habe ich neben den Dossiers der Patienten und dem Notfallset eine Karte dieser Stadt. Ich stelle mich neben die Obstauslage eines Gemüsehändlers und packe die Karte aus.
Der Inhaber, ein kleiner Türke  mit schwarzen Haaren und zuviel Parfum, kommt heraus und will mir helfen. „Himmelrichstrasse ? Da ….!“ Sein Finger zieht eine Schleife in der Luft und bleibt vor meiner Nase stehen. „Hinter ihnen…“ Ach so. Dankeschön.

Ich steige wieder aufs Rad. Es regnet stärker und ich frage mich, warum man sagt, dass Regen schön macht. Regen macht nur nass. Sonst nichts.
Eine Einbahnstrasse. Plötzlich habe ich Gegenverkehr. Ich lenke mein schlechtes Gewissen deswegen, das tut man nicht, dadurch ab, dass ich einem Punk mit Hund zusehe, wie er sorgsam den
Kot des Hundes in einem Säckchen aufnimmt und es so langsam verknotet, als hätte er alle Zeit der Welt. (Vielleich hat er das ?) . Der Hund schnüffelt während dessen an einem kleinen Pudel, der an einer Leine hängt, die in Frauchens gepflegt manikürte Hand endet. Pudel wird weggezogen: Schlechter Umgang.

Plötzlich schneit es. Weisse Blütenblätter segeln auf die Strasse. Ich bin angekommen. Diesmal bin ich richtig. Auf der anderen Strassenseite steht eine Schule. Die Kinder haben Pause und rennen zwischen den Bäumen des kleinen Parks herum. Bevor ich auf die Klingel drücke kann ich sehen, dass vier Jungs einen anderen an die Wand der Bushaltestelle drücken. Er ist schwarz und in seiner Hand ist ein angebissener Apfel. Wehr dich ! Denke ich und stosse die Türe auf. Im Treppenhaus riecht es nach Schmierseife und gekochtem Kohl. Als ich im zweiten Stock ankomme, schaue ich zum Fenster des Treppenhauses hinaus: Der schwarze Junge ist weg. Ich kann sehen wie er ins Schulhaus rennt. Die anderen, die ihn belästigt haben, bleiben stehen und lachen.

Wenn ich aus dem Haus komme und zum nächsten Patienten fahren werde, wird es aufgehört haben zu regnen. Ich werde den Haargummi aus meinen Haaren ziehen und sie dem Fahrtwind zum spielen schenken. Vermutlich werde ich Hunger haben und noch ein altes Snickers im Rucksack finden. Ich werde zwei Männer sehen, die auf einem Platz grosse Schachfiguren auf ein Spiel stellen, das auf den Boden gemalt ist. Und ich werde es mal wieder bedauern, dass ich nicht genügend Zeit habe, um all das in Geschichten zu verweben, was ich den ganzen Tag erlebe.

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2 Gedanken zu “Vom Regen, der schön macht

  1. Ich wusste nicht, dass Regen schön machen soll. Aber wenn ich es schaffe, beim nächsten Regen an eine Deiner schönen Geschichten zu denken, dann wäre das schon mal eine gute Sache, die der Regen anstellen könnte.

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