Befindlichkeiten, Fühlen, Hören, Leben, Schreiben

Fleur de poussière

Dann steht man mit geschlossenen Augen da,  mit einem Käsebrot in der einen Hand und in der anderen grad nichts. Man wird von einem Orkan aus gelben Blütenpollen verwirbelt und hat das ganz präzise Gefühl im Bauch, dass sich die Welt jetzt ein winziges Stück weiter in ihrer Achse gedreht hat. So ein kleines Ruckeln hat man gespürt. Ganz bestimmt.

Man hat in diesem Augenblick Lust, die Welt zu verändern. Sie ein kleines bisschen besser, oder schöner zu machen.

(Du hast noch von keiner Revolution gehört, die mit einem Stück Käse in der Hand begonnen hat ? Ich auch nicht. So gesehen, nennen wir es später die Käserevolution von 2011. Falls es was wird. Sonst vergessen wir es einfach.)

Die kleinen, im letzten Sommer sorgsam geernteten Samen, werden in frisch mit Erde gefüllte Blumentöpfe gedrückt und bekommen den ersten Schluck Wasser. Bevor sie einen warmen sonnenbeschienen Platz an der Hauswand gestellt werden. Die feuchte Erde riecht nach Wald, nach Pilzen und etwas nach verbranntem Caramel.
Man steht da, stille Beobachterin, lässt sich den Wind durch die Haare streichen. Käfer beobachten, die ein neues Terrain erobern. Schneckenhäuser, sorgfältig hochgehoben
um in die Kammer sehen zu können, ob das Haus noch bewohnt ist. Zurück in den Schatten legen oder die eigene Tasche. Je nachdem.

Der Wind rüttelt auch am Haus, dem alten, dessen Farbe auf der Wetterseite schon abblättert  und dem schon lange niemand mehr einen neuen Anstrich verpasst hat. Schiebt so sehr am Haus, das es sich in kurz aufbläht und sich danach zornig in Falten legt.

Vielleicht schiebt der Wind den Mirabellenbaum näher an das Fenster heran. So nahe, dass man im Herbst die Früchte von dort aus pflücken kann.
„Der Baum trägt kein Obst mehr …! “ Wurde gesagt, als wir hier einzogen im Herbst. Kann schon sein. Zumindest trug er vor kurzem ein Gewand aus weissen, duftenden Blüten. Die inzwischen
zu unzähligen, winzigen Kugeln anschwollen.

Man hört den Esel auf der Koppel nebenan. Sehen kann man ihn nicht: Der grosse Baum ist dazwischen, unter deren Äste, die bis zum Boden reichen, die Katze ein Nickerchen hält.
Ab und zu  hebt sie den Kopf, prüft die Umgebung mit zusammengekniffenen Augen und döst dann zufrieden mit sich und ihrer Welt wieder ein.

Man geht Barfuss, vorsichtig einen Fuss vor den anderen stellend um keine Biene oder Blume zu erdrücken, über die kleine Wiese. Das Käsebrot ist gegessen und wieder schliesst man die Augen.
Diesmal ist die Gesinnung eine andere: Die Welt wird nicht verschönert. Keine Käserevolution wird stattfinden. Die Welt ist in der Betrachtung schöner und schöner mit jedem Atemzug geworden.
Nahezu perfekt.

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