Befindlichkeiten, Fühlen

Sterbende Blumen

Wenig Licht dringt in das dunkle Wohnzimmer. Es riecht muffig. Eine Mischung aus kaltem Zigarettenrauch und gedünstetem Kohl.
Das ganze Treppenhaus riecht nach Kohl, eine der Familien im Haus muss dieses Gemüse lieben.

Auf dem Tisch steht eine Kristallvase mit sorgsam arrangierten Rosen. Dunkelrot, samtig.
Seine Frau war eine tschechische Tänzerin, eine wunderschöne Frau.
Sie ist seit zehn Jahren tot und trotzdem lächelt sie überall von den Wänden. Schwarzweiss Fotos einer Frau mit traurigen, dunkel geschminkten Augen.

Gestern war ihr Todestag, erwähnt er. Darum die Blumen.
Er habe, so erzählt er mir langsam und bedächtig, sich Pfingstrosen kaufen wollen. Die seien schön.
Ich nicke: Ja. Ich mag Pfingstrosen auch. Sie riechen so süss.
Leider lassen sie ihre Blütenblätter fallen, rumms, alle auf einmal.

Der Mann erwidert:

-Pfingstrosen sterben auf dem Höhepunkt ihrer Schönheit ! Sie verwelken nicht wie andere Blumen und zeigen die modrige, hässliche Seite des Lebens. Im Gegenteil. Sie strahlen in ihrer ganzen Ästhetik und im nächsten Moment sind sie tot.
Schauen Sie mich an: Ich war ein schöner Mann, das sieht niemand mehr. Jetzt falle ich auseinander, ich beginne zu riechen wie alte Leute es tun. Jeden Morgen schmerzt eine neue Stelle an mir.
Immer eine andere. Ich falle aus der Form, meine Hosen halten nicht mehr. Und ich bin für andere Menschen unsichtbar geworden.
Die Pfingstrose, wissen Sie, ist da in ihrer Konstruktion klüger:
Sie stirbt dann, wenn sie am Schönsten ist.

Ich schweige. Denke über seine Worte nach. Dann nicke ich: Er ist Lebenssatt. Und der Vergleich mit der Blume beeindruckt mich.

Ich packe meine Utensilien zusammen und verabschiede mich von dem Mann an der Türe. Reiche ihm nicht die Hand, er mag das nicht und ich akzeptiere das schweigend.

Unschlüssig steht er da, während ich auf den Lift warte. Als ich mich umdrehe um ihm noch kurz zu zu winken, bevor ich in den Lift steige,
winkt er mich fast schüchtern zu sich :
-Sie sind eine Frau ….

Er zögert. Sucht die Worte. Räuspert sich. Dann ergänzt er:
-… und ich habe heute Geburtstag. Würden Sie mir bitte die Hand reichen und mir dazu gratulieren ?

In seinem Land bringe es Glück, wenn eine Frau als erste demjenigen gratuliert, der Geburtstag habe. Ausserdem bliebe ich die einzige, die ihm gratuliere. Er kenne sonst niemanden mehr.

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7 Gedanken zu “Sterbende Blumen

  1. Sofasophia schreibt:

    puh. ich bin berührt. du hast da eine grosse geschichte erzählt. das bild mit der pfingstrose ist stark.
    was wissen wir schon über einen menschen, von dem wir bloss die fassade sehen …
    danke!

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