Befindlichkeiten, Fühlen

Von Affen und Kirschen

Früher hingen wir unter Bäumen wie die Affen.
Liessen die Haare und die Seele baumlen, während die Beine um einen Ast verknoten waren, damit wir nicht runter fielen. Wer sich als erster fallen liess, weil die Kraft nicht mehr da war, hatte verloren.
Oder wir kugelten die Wiese runter. Einer nach dem anderen. Übten uns stundenlang im Rad schlagen oder im Ball werfen.Wir kicherten so lange, wegen Kleinigkeiten, bis uns der Bauch weh tat. Und wir fingen Kirschen mit dem Mund auf.

Beschwingt zeitlos, als könnten wir die Zeiger der Uhr stoppen, wenn wir einfach intensiv glücklich waren. Wir waren einander so nahe, als gäbe es keine Mauern. Als gäbe es keine Restzeit, die wir nutzen sollten, weil sie uns sonst weggenommen wird. Umarmungen waren möglich, manchmal auch nur dazu da, um festzustellen dass er andere noch da war. Wir haben aufeinander aufgepasst und wenn einer vergass wer er war, dann sagten wir es im. In aller Deutlichkeit und Ernsthaftigkeit der Kinder, die wir waren.                                                                                                

Freundschaft war mehr als diffus geschriebenes Wort auf einem Blatt Papier. Sondern gelebte Liebe.

Heute rennen wir umtriebig hin und her. Von dahin nach dorthin und wieder zurück. Wir baumeln nicht mehr an Bäumen und rollen nicht mehr die Hänge herunter. Die Zeit lässt sich nicht stoppen, das haben wir gelernt, sondern wir müssen ihr hinter her rennen. Weil sie uns sonst gnadenlos überholt und uns, davon gehen wir aus, platt walzt.

Manchmal gibt es aber Momente, die sich anfühlen wie an Bäumen hängen. Weil man lacht und kichert und sich unglaublich wohl fühlt. Man verliert die Zeit und stellt fest: Wenn man sich nicht um sie kümmert, verzieht sie sich trotzig und lässt einem machen, was man will.
Da sind zum Beispiel Freunde, die an deinem Tisch sitzen und soviele Farben versprühen, dass du sicher bist, dass am Ende des Abend ein Kaleidoskop an Farben an deinen Wänden zu sehen sind.

Vielleicht ist da der Punkt, der alles lebendig macht und an dem man plötzlich keine unerfüllten Wünsche mehr hat. Wenn die Menschen dann gehen, lassen sie etwas zurück. In dir drin. (Dort wo es wummert und hämmert).

Oder man sieht den Lieblingsmenschen um die Ecke eines Schlosses kommen. Obwohl man weiss, dass er in diesem Moment neben dem Steinwall sichtbar werden wird, lächelst du in dich hinein. Fast unsichtbar, damit er nicht fragt, warum du so grinst. Und in dem Augenblick fühlt sich dein Bauch warm an, ganz heiss, als hättest du zuviele Kirschen gegessen oder als wäre dir schwindlig, weil du den Hügel zu schnell runter gerollt bist.

Da ist die Katze, die sich an sich warm an dich schmiegt, wenn du heim kommst.
Oder deine süsse Mitbewohnerin, die ihren Kopf kurz an deine Schulter legt, um dir Hallo zu sagen.

Vielleicht kann man nicht mehr an Bäumen hängen und auch das mit dem Rad schlagen klappt vermutlich auch nicht mehr so gut.
Aber wer will schon ein Affe sein ?

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8 Gedanken zu “Von Affen und Kirschen

  1. Madame! Jetzt mal ganz ernsthaft. Sie hingen nie unter Bäumen, auch früher nicht. Sie haben HÖHENANGST. Ich weiss das. (Obwohl ich gerade versucht habe, mir vorzustellen, wie Sie usw.) Sie stammen von bodenlebenden Vorfahren ab und zwar quadrupedischen, in der Savanne, unter Löwen und Hüänen. – Aber schauen Sie, es ist ja auch so: wer immer nur an einem Baum umme hängt wie ein Faultier, der kommt eben auch nicht herum, der sieht nix von der Welt. Dazu muss er schon in die Ebene hinab.

    • Monsieur.
      Ich habe gestern nach dem Beweisfoto gesucht. Ich und der Chriesibaum. Ich verkehrt. (Oder der Baum. je nachdem wie mann das Foto hält)
      Leider fand ich nur eines, das mich an den Stamm gelehnt zeigt und das, so fürchte ich, würden Sie nicht als Beweis meiner tollkühnen Tat ansehen.

      Wir müssen doch ab und zu die Welt aus einer anderen Perspektive sehen :
      Odin hing neun Tage und neun Nächte am Baum und kam so zu seiner Erleuchtung.
      Ich hing ein paar Minuten und leide seither unter Höhenangst.
      Ist doch auch was, finde ich .

      • Das mit diesem Odin halte ich für ein Gerycht. Dieser Mann hatte zwei kluge Raben, genannt Hugin und Munin („Gedanke“ und „Erinnerung“), und ich vermute der Wahrscheinlichkeit halber, die werden da wohl ab und an auf Bäumen gesessen haben. Und als er dann alt und a chli trottelig wurde, meinte er dann, er habe seinerzeit selbst usw. Es klärt sich alles auf.

  2. Ich hab auch Höhenangst! Bin aber trotzdem als Kind in Bäumen gehangen, die Angst kam erst später. Da hatte ich zwischen den Ästen schon alles Mögliche vor mich hingeträumt. Mademoiselle Lila kann also durchaus in Bäumen rumgehangen sein, auch mit Höhenangst. Und runter kommen wir irgendwann alle, in die Ebene. Aber nicht alle waren oben. 😉

    • Liebe Anhora .

      Dieser Satz °Und runter kommen wir irgendwann alle, in die Ebene. Aber nicht alle waren oben.° ist wunder-voll.
      Es wird immer Menschen geben, die die Welt nie mit dem Kopf nach unten gesehen haben, weil sie Angst haben, dass sie aus dem Rahmen oder dem System fallen.
      Runter kommt man immer.
      Wenigstens einmal oben gewesen sein ;-).

      (Ach. Ich liebe diesen Satz. Danke dafür)

      • Mann sieht sie nicht, die Mädels in den Bäumen, wenn man einfach so guckt.
        Das geht nicht !

        Dazu benötig man einen Spiegel, der einem erlaubt, hinter sich zu sehen. So klappt es zuweilen.

        Dann wird man womöglich sehen, dass gehörig viele Bäume voller Mädels sind, die da einfach so hängen.
        Odins Erbinnen sozusagen 🙂

  3. Sofasophia schreibt:

    was für ein wunderwunderwunderbarer text … das glück in deinen zeilen ist so authentisch und macht mir gänsehaut …
    danke, dass du bloggst 🙂

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