Leben

Schwerelos

Dann liegst du da, schwerelos. Oben ist dort wo die Nase ist. Unten ist nichts, zumindest nichts fühlbares. Nur Wasser.
Irgendwas kitzelt dich an deinem Zeh: Ein schwimmendes Blatt hoffst du. Ein kurzer Gedanke, den du sofort wieder wegwischt, ist der eines Fisches. Knabbern Fische an den Füssen ?
Der blaue Horizont verwebt sich mit dem See, dort am Ende. Wenn du den Kopf etwas anhebst, kannst du das sehen.
Und ein paar Wolken vielleicht, wie mit einem Pinsel hingetupft, über dir.

Du kannst das leise Rascheln der Pappeln am Ufer hören. Das mechanische Geräusch eines Fahrrades, das von einem Gang in den anderen geschaltet wird. Irgendwo bellt ein Hund. Ein Kind lacht.
Wenn deine Ohren unter Wasser sind, hörst du nichts mehr ausser deinem eigenen Herzschlag.

Mit geschlossenen Augen spürst du das warme Flimmern der Sonne auf deinem Gesicht noch besser.
Wo ist oben und wo unten und spielt das überhaupt eine Rolle ?

Du liegst da, starr wie ein Brett.  Wir waren meist mehrere, die so im See herum schwebten wie Treibgut.
Wer am längsten so liegen blieb, hatte gewonnen. Obwohl das niemand messen konnte, nicht wirklich.

Wenn wir, je nach Strömung, nach Westen trieben, kitzelten uns die Wasserpflanzen, die dort wuchsen,  über den Rücken. Schleimig und ungewohnt. Ich hasste das und brach in diesem Moment schreiend meinen
Flug ins Universum ab.
Jemand hatte mir mal erzählt, dass diese Pflanzen sich um die Beine wickeln und einen in die Tiefe ziehen können. Mir reichte das. Ich brauchte keine Beweise für diese tollkühne Behauptung. Die Vorstellung
genügte.

Ich weiss nicht mehr, wann wir damit aufhörten. Vermutlich war dieser Film schuld daran, dass ich meine Karriere als schwebende Wasserartistin aufgab. Damals.
Und auch heute noch wild schreiend, hustend und blubbernd ans Ufer schwimme, wenn mich im Wasser etwas an den Beinen kitzelt.

Standard

2 Gedanken zu “Schwerelos

  1. So in etwa …. hmmmm …. 20 Jahre ist es her – jung und frisch verliebt saßen wir abends am See und horchten gebannt einem Ortsansässigen zu.
    Er konnte die gruseligsten Gruselgeschichten ☺ erzählen ….. in den Tiefen des Sees sollte ein unbekanntes, menschenfressendes Wesen wohnen, unzählige verschwundene Kinder seien der Beweis.
    Am Tage hatten wir noch gebadet …. den nächsten Tag wagten wir nur noch, die Fußspitzen aus dem Boot hängen zu lassen. Und dieses Wesen war bereits da – ich spürte förmlich ihr Lauern auf eine einzige falsche Bewegung. Nie wieder haben wir in diesem See gebadet und auch heute noch habe ich manchmal Panik, wenn eine Alge mein Fuß berührt …. die Vorstellungskraft malt die intensivsten Bilder … genau wie all deine Geschichten.
    Sie brennen sich ins Herz und bleiben für immer da.
    Spannend.
    Schön,
    Berührend.

    Lange war ich nicht mehr da – in meinem See tummelten sich ein paar Monster.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s