Fühlen, Leben

Vom Tod und dem Meer

Wie wars am Meer ?

Sie fragt das seit Wochen jedes Mal, während ich ihre Medikamente aus dem Blister drücke und mich vergewissere, dass es die richtigen sind. Die Chemie erhöht ihre Lebensqualität. Nicht viel, aber dennoch ein bisschen.

Ich erzähle ihr, wie die Wellen rauschend auf die Steine schlugen. Während ich Barfuss durch den Sand lief und meine Lungen mit dem Geruch nach Tang und Fisch füllte. Dass ich Muscheln sammelte, winzige, teilweise
zerbrochene Schalen, deren Perlmutt silbern schimmert. Beschrieb ihr die winzigen, weissen Schiffe am Horizont. Die schweigenden Fischer am Quai, die ihren Fang in Kesseln sammelten.
Erzählte von der brennenden Sonne.

Ich möchte meine Asche am Ende im Meer verstreut haben !

Sie ist vom Spiel des Lebens ausgeschieden. Obwohl sie sich an die Regeln hielt. Zurück auf Anfang geht nicht. Jetzt steht sie am Rand des Spielfeld und schaut den anderen beim Leben zu.

„Ich nehme sie mit ans Meer, wenn ich wieder hin fahre. Packe Sie in den Camper und dann fahren wir nach Süden !“
Schlage ich vor und wasche ihr den Rücken. (Mit kaltem Wasser. Warm erträgt sie nicht.)

Gleich morgen ! Ja ? Einen anderen Sommer als diesen wird es für mich nicht geben…
„Warum nicht jetzt gleich ?“

Sie lacht. Kichernd und süss.
Dann denken wir laut, was wir dort alles machen könnten. Der Sonne zusehen wie sie untergeht. Und wieder aufgeht. Zum Beispiel. Während ich ihr kurzfristig Schmerzen zufügen muss, damit diese gelindert werden.
Ihr vorhandenes Leben ist paradox.

Etwas später wird sie, bevor ich wieder gehe, Danke sagen. Dass ich ihr das Meer ans Bett gebracht habe.
Und sie wird ein gelbes post it in den Händen halten, mit einer gekritzelten Muschel darauf. Sie wird das Papier zu den anderen hinters Bett kleben. Dort hängen schon Sonnen. Unzählige. (Die mag sie am liebsten)
Karrikaturen von Menschen, die einen Strand entlang laufen. Oder abgebildete Wassertropfen die sie daran erinnern sollen, dass sie genügend trinkt.

Ich habe sie gern. Wird sie sagen, wenn ich mich verabschiede. Und mich fragen, wie meistens, warum wir uns nicht viel früher kennengelernt haben: Wir wären Freundinnen gewesen !

Mein Job hat viele Tücken und enthält viel Leid. Dennoch möchte ich keinen anderen.

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9 Gedanken zu “Vom Tod und dem Meer

  1. wunderschön erzählt dani!manchmal vermisse ich diese momente…..wo die zeit etwas still gestanden ist und man einfach nur da sein darf für jemanden.
    aber nur manchmal:-)

    • Danke D.
      Es sind diese herberührenden Momente, nicht wahr, die dir manchmal fehlen ?
      Psst. Ich könnte auch nicht mehr zurück in das starre Konstrukt eines Krankenhauses. Die ambulante Pflege ist näher beim Menschen.

  2. …mutet an wie szenen aus dem film „sommer vorm balkon“…
    was für ein glück für diese frau du bist! und welch kreativ-strebe-seele in ihr wohnt. das rührt an! sehr.
    gruß von sonja

    • Oh. Ich bin nichts besonderes. Einfach ein Mitglied eines Teams, die eben darüber schreibt. Die anderen schweigen :-).
      (Merci ! Dein Kompliment tut gut. Sehr)

  3. ich liebe diese texte von dir und wünsche mir, falls ich alt werden und eines tages pflege brauchen sollte, dass ich auch so eine liebevolle betreuerin haben darf.
    wie schön, mit welcher hingabe du deine arbeit machst!

    • Auch dir. Dankevielmal. Die Worte gehen runter wie….(Oel mag ich nicht. Ich ziehe Honig vor. )

      Die Frau ist übrigens nicht alt und sie wird es auch nicht werden . Sie ist wenig älter als ich. Sie hat Krebs.
      Das ist ja noch das fiese daran. Es könnte jede von uns sein.

  4. Diese Geben … ist vielmehr oft auch Nehmen. So empfinde ich selbst es – keine Hauptamtliche, sondern nur ein winziges Rädchen im ehrenamtlichen Mitarbeiterstab des Hospiz, fühle ich immer große Dankbarkeit ein kleines Bisschene helfen zu dürfen – Normallität in dieses Haus zu bringen, sofern das überhaupt geht…Vor ein paar Tagen hängten die Enkelinnen ihrer blinden Großmutter die bei uns Gast ist ein gemaltes Ölbild ins Zimmer. Sie soll es „sehen“ – bei sich haben – wir haben es zusammen angeschaut… Farben und Assoziationen beschrieben – hell, licht, Sommer, Traum, vogel…

    Dein Text ist sehr anrührend. Danke.

    Grüße von Ellen

    • Es sind die kleinen Dinge, nicht wahr ? Sobald das Herz an dem beteiligt ist, was wir tun, kommt die Befriedigung am Tun zum tragen.

      Die Normalität die du beschreibst…Das ist dass, was mich oft am meisten durchschüttelt: Die Einsamkeit der Menschen und die soziale Verwahrlosung. Ein Haushalt, der so schmutzig ist, wie der Patient selbst.
      Der Alkohol zuweilen. Drogen. Armut.
      Und das in einem Europa, das sich modern nennt und Menschen trotzdem durch die sozialen Netze fallen. (gelassen werden)

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